Batt, Sharon

(Last Updated On: 12. November 2017)

Über Sharon Batt

Dr. Sharon Batt (*1945, BA Hons in Psychologie, Carleton Univ., 1967 MA in Psychologie, Univ. of British Columbia, 1970, PhD interdisziplinär, Dalhousie Univ. 2012) ist eine unabhängige kanadische Sozialwissenschaftlerin und Psychologin, Publizistin und Mitbegründerin der Non-Profit-Organisation Breast Cancer Action Montreal (jetzt Québec), deren Präsidentin sie zeitweise war. Sie ist forscht zur Arzneimittelpolitik, speziell auch zu dem Themenkomplex Interessenkonflikte, Pharmaindustrie und Brustkrebs. Batt hat eine außerordentliche Professor in Bioethik inne und ist Mitarbeiterin in der Technoscience and Regulation Research Unit an der Dalhousie University in Kanada.

Batt war u.a. Herausgeberin des Verbrauchermagazins “Protect yourself”. In den 1970er Jahren war sie Begründerin und Herausgeberin der ersten feministischen kanadischen Frauenzeitschrift „Branching out“ und zugleich stellvertretende Vorsitzende der Vereinigung kanadischer Zeitschriftenverleger (Canadian Periodical Publisher’s Association). 1998 wurde bei ihr Brustkrebs diagnostiziert. Sie war überrascht hinsichtlich der Unsichtbarkeit der Krankheit in der Gesellschaft damals und begann, die Konsequenzen dieser Abwesenheit zu erforschen.

Schwerpunkte von Sharon Batt reichen von Krankheitsvermeidung, Medikalisierung von Frauen bis zu den Auswirkungen von Industriesponsoring auf Patientinnen und Frauengesundheit und Medienverantwortung.

Die Arbeiten der Gesundheitswissenschaftlerin und Gesundheitsaktivistin Sharon Batt sind besonders für Patientinnen mit Brustkrebs, die sich engagieren wollen, unverzichtbar, jedoch leider in deutscher Sprache kaum zugänglich. Wir sind hinsichtlich all der elementaren Inhalte, die diese und andere Wissenschaftlerinnen sorgsam für Frauen aufgearbeitet haben, im Nachteil. Bereits Sharon Batt‘s Buch „Patient no more“, zuerst erscheinen 1994 in englischer Sprache,  die französische Übersetzung „À bout de patience: les enjeux de la lutte au cancer du sein“ erschien 1998 in Montreal, wäre, obwohl nicht mehr ganz neu, eine perfekte Grundlage für einen kritischen Umgang mit Brustkrebs, doch eine deutsche Ausgabe ihres Buches fehlt. Die nachfolgende Liste soll den Zugang zu ihren wichtigen Forschungsergebnissen zumindest ein wenig erleichtern.

Arbeitsfeld für Frauengesundheitsorganisationen: Engagement für eine andere Abwasserpolitik

Sharon Batt setzt sich bereits langjährig für Änderungen und Bewusstseinswandel im Zusammenhang mit Medikamenten und Wasserpolitik ein. 2004 erarbeitete sie gemeinsam mit Women and Health Protection in Kanada das Papier Pharmaceuticals in Our Water: A New Threat to Public Health?

Sharon Batt verweist darauf, dass unsere Gewässer durch Medikamente belastet sind, was dazu führt, dass wir tagtäglich ein Leben lang diesen Stoffen ausgesetzt sind. Es finden sich Rückstände der Antibabypille, Hormonersatztherapie, Antibiotika, Antidepressiva oder Chemotherapeutika im Abwasser wieder. Da diese Chemikalien sich bei der Wiederaufbereitung des Wassers nicht vollständig wieder entfernen lassen, werden die Rückstände gefährlich für die menschliche Gesundheit. Auch die in der Tierzucht verwendeten Medikamente landen im Wasser. Batt verweist u.a. auf geringste Mengen, die bereits gesundheitschädlich wirken können, sie verweist auf die besonderen Gefahren für Embryonen und hat den in Kanada zuständigen Behörden deswegen vorgehalten, dass die Maßnahmen zur Regulierung (Environmental Assessment Regulations Project, EARP) unzureichend seien, da diese der menschlichen Gesundheit weniger Priorität einräumten als den Profiten von Pharmakonzernen und der Industrie für Körperpflegemittel. Batt stellte heraus, dass diese Form der Umweltverschmutzung auf einer persönlichen und nicht auf industrielle Ebene entsteht, ein Grund, warum sie es für sinnvoll hält, in einem ersten Schritt für diese Problematik zu sensibilisieren. Dabei betont sie den Genderaspekt (Frauen verwenden im Vergleich zu Männern mehr verschreibungspflichtige Medikamente und auch die Auswirkungen der Medikamente und Chemikalien, um die es geht, sind bei Frauen und Männern unterschiedlich). Batt schlug deswegen vor, dass Frauengesundheits- und Umweltorgansationen sich dieser Thematik annehmen und die öffentliche Debatte dazu führen. Auch müssten Medikamente bezüglich möglicher Schadstoffbelastungen, die sie verursachen, geprüft werden.

Drugs in Our Water campaign (mit Video). Sharon Batt berichtet über den sorglosen Umgang mit Medikamenten und deren Entsorgung. „Jeder Arzneischrank ist auch eine Angelegenheit des öffentlichen Gesundheitswesens.“ (Leider bisher nur in englischer Sprache)

Den Fluss der Medikamente ins Trinkwasser stoppen: Was wir tun können Über Sharon Batts Arbeit zu Medikamenten, die im Trinkwasser landen (2003, 2005)

Veröffentlichungen

Buchveröffentlichung: Patient no more

Sharon Batt ist Autorin des Buchs Patient No More: The Politics of Breast Cancer (Charlottetown, PEI: Gynergy Books, 1994.  UK: Scarlett Press, 1994. Australien, Neuseeland:  Spinifex, 1996). Batt setzt sich darin kritisch mit Früherkennung, Chirurgie, Strahlentherapie, Chemotherapie, Alternativmedizin, Genetik und Vermeidung von Brustkrebs auseinander.

PhD Thesis: Von Graswurzeln zur Pharmapartnerschaft

In ihrer Habilitationsschrift (PhD Thesis) vom Februar 2012 mit dem Titel From Grass Roots to Pharma Partnerships: Breast Cancer Advocacy in Canada („Von der Selbsthilfe zu Pharmapartnerschaften: Brustkrebs-Interessenvertretung in Kanada“) hat Batt die Arbeitsweise von Brustkrebsorganisationen in Kanada untersucht (speziell die Entwicklungen der letzten 20 Jahre), Bündnisse zwischen Brustkrebs-Selbsthilfegruppen in Kanada und der pharmazeutischen Industrie, ihre Auswirkungen auf die pharmazeutische Industrie sowie Auswirkungen auf die Pharmapolitik.

Der Charakter der Selbsthilfe hat sich verändert

Ihrer Meinung nach haben diese Bündnisse zwischen Patientinnengruppen und Pharmaindustrie dazu geführt, dass die kritische Interessenvertretung, Inhalt und Stil sich in einer Weise verändert haben, die diese Gruppen sich zu einer Unterstützung der politischen Ziele der Pharmaindustrie entwickelten. Sie zeigt jedoch auch das Spektrum unterschiedlicher Organisationen, die wiederum unterschiedliche Reaktionen von der völligen Ablehnung von Mitteln aus der Pharmaindustrie bis hin zu Lobliedern auf die Pharmaindustrie und der vollständigen Finanzierung durch Pharmamittel einschließen. Im Mittelfeld befinde sich die „pragmatische Ambivalenz“.

Auswirkungen einer neoliberalen Politikstrategien

Weiter beschreibt Batt auch die Merkmale der Verschiebungen in der kanadischen Politiklandschaft, die sich sukzessive durch neoliberale Politikstrategien verändert hat, die ebenfalls den Charakter von PatientInnen beeinflusse. Das kanadische System hat sich nach Batt in den vergangenen 30 Jahren schlecht an die Dilemmata angepasst, die durch die neue Generation teurer Krebsmedikamente entstanden seien. Das System der Kostenkontrolle, Medikamentenzulassungen und die Ansprüche an wahrheitsgemäße Informationen zu Medikamenten habe sich verschlechtert.  Die Verschlechterung traditioneller Förderung der kritischen Interessenvertretung habe die Kraft des zivilgesellschaftlichen Sektors untergraben.

Die Engagementstrategie: Industrieunabhängige Finanzierung ist essentiell

In Kanada haben sich Selbsthilfegruppen zu Brustkrebs allmählich zu einem nationalen Netzwerk – eine nationale „Engagementstrategie“ wird auch in Deutschland forciert – zusammengeschlossen, in dem sich viele auf die Unterstützung der pharmazeutischen Industrie verlassen würden. Eine Reihe von Fallstudien zeige, wie Gruppen, die von der pharmazeutischen Industrie finanziert werden, zu subtilen Fehlinterpretationen des Wissensstandes bei den neuen Krebsmedikamenten kämen. Die Ergebnisse legten nahe, dass diese Gruppen das Potential böten, wichtiges Wissen aus der Nutzerinnenperspektive zum Verständnis von Medikamenten und Pharmapolitik beizutragen. Um dies sicherzustellen, benötigten diese Gruppen industrieunabhängige Finanzierungsquellen, die schmerzlich vermisst würden. Politische Ansätze seien notwendig, um zu verhindern, dass diese Patientinnengruppen zu Cheerleadern für neue Medikamente, deren Wirkungsweisen weiterhin weitgehend unerforscht seien, oder unwissentlich zu Partnerinnen in einer breiteren Konzernstrategie würden, die für die Zulassung neuer Industrieprodukte entwickelt worden sei, um sie aus Versicherungsleistungen zu finanzieren.

Weitere Veröffentlichungen

1996

A new look at breast cancer: beyond early detection. Writing and research Sharon Batt. Montreal: DES Action Canada, 1996. ISBN 0968039804, 9780968039809 (Online nur eingeschränkt nutzbar, Kopie bei uns vorhanden)

1998

Breast cancer prevention and hormone manipulation: the heat is on: Other opinions wanted bei Canadian Women’s Health Network

2000

Cancer, Inc.: They make the chemicals, they run the treatment centers, and they’re still looking for „the cure“ — no wonder they won’t tell you about breast cancer prevention, zusammen mit Liza Gross bei sierra magazine

2001

Social Disease – Krankheit der Gesellschaft: Übersetzung von Sharon Batts Rezension „Breast Cancer: Society shapes an Epidemic“ [Brustkrebs: Wie die Gesellschaft eine Epidemie prägt] hrsg. von Anne S. Kasper und Susan Ferguson (2001),  zuerst erschienen in: The Women’s Review of Books, Vol. 18, No. 6 (Mar., 2001), S. 14f

2002

4th World Conference on Breast Cancer: Whither the Movement? (Wohin steuert die Bewegung?) Erschienen bei: Annie Appleseed Project

Preventing Disease: are pills the answer? Erschienen bei: Women and Health Protection. Montreal 2002, auch erschienen in dem Sammelband “The Push to Prescribe” von A. Rochon Ford und D. Saibil (Hg.) 2009

Rezension zu:  The breast cancer wars: hope, fear, and the pursuit of a cure in twentieth-century America Barron H. Lerner New York: Oxford University Press; 2001 383 pp. $52.50 ISBN 0-19-514261-6, erschienen in: CMAJ. 2002 May 14; 166(10): 1312–1313 unter dem Titel: Radical ideas

You, your breast cancer group and prescription drug ads (Du, deine Brustkrebsgruppe und verschreibungspflichtige Medikamente). Erschienen in: Network news, Canadian Breast Cancer Network, Volume 7, Number 1, Spring 2002, S. 6f. Online auch bei: CWHN und Women and Health Protection (s. archive.org)

2003

Buchrezension zu: Prescriptive politics: The truth about Hormone Replacement Therapy: How to Break Free from the Medical Myths of Menopause. The National Women’s Health Network Roseville (CA), Prima Publishing 2002, ISBN 0-7615-3478-4, erschienen in: CMAJ, Feb 4, 2003; 168 (2) S. 319f (The left Atrium)

Zusammen mit Anne S. Kasper: Women’s health and feminist ideals: arguing breast cancer: the feminist views of two women’s helath activists. Erschienen in: Women’s studies quarterly, 31, no. 1 (2003) 55 (Extern in Jstor rech.)

Full circle: Drugs, the environment and our health. Für Women and Health Protection, Erschienen auch in EARP Evalutaion for WHP, July 27, 2003 und in Fall/Winter 2008/2009 bei Canadian Women’s Health Network

2004

Pharmaceuticals in Our Water: A New Threat to Public Health?  Facts to act from Women and Health Protection, written by Sharon Batt in collaboration with Women and Health Protection, October 2004 – Außerdem ist ein gleichnamiger Flyer erschienen, der die Inhalte übersichtlich zusammenstellt

2005

Marching to different drummers: health advocacy groups in Canada and funding from the pharmaceutical industry  für Women and Health Protection, January 2005, auch erschienen in dem Sammelband “The Push to Prescribe” von A. Rochon Ford und D. Saibil (Hg.) 2009

2007

Limits in autonomy: Political meta-narratives and health stories in the media. Erschienen in: American Journal of Bioethics: AJOB, 7(8), 2007: 23 (Artikel ist nicht frei zugänglich, nur kostenpflichtig erhältlich!)

2008

Pharmaceutical drugs in the environment and women’s health. Network magazine (published by the Canadian Women’s Health Network, Winnipeg), Special health and the environment issue, November 2008

2009

Health advocacy groups and funding from the pharmaceutical industry. In: Prescriptions for women: Public policy and the regulation of medicines in Canada. Toronto: Canadian Scholarss’ Press 2009

2010

Patients’ Groups, Pharmaceutical Company Partnerships and the  Negotiated Meanings of  “What Patients Need” in Canada (pdf). Tagungsbeitrag für Health Politics in an Interconnected World: The 13th Berlin Roundtables on Transnationality. Irmgard Coninx Foundation, Social Science Research Center Berlin and Humboldt-Universität Berlin,  1. – 5. Dez. 2010

2017

Health Advocacy, Inc: how pharmaceutical funding changed the Breast Cancer Movement. Erschient im Juni bei: University of British Columbia Press im Januar 2017. ISBN 978-0-7748-3384-4, 0-7748-3384-X

The Horne trial & medicine’s bullying problem 
Impact ethics v. 09.11.2017

Weitere Veröffentlichungen von Sharon Batt s. Vita September 2016 (pdf)

Auszeichnungen

Finalist, QSPELL – Best Non-Fiction Book in English by a Quebec Writer for Patient No More, 1995.
Laura Jamieson Award – Best Feminist Book Published in Canada in 1994 for Patient No More, 1995.
National Media Awards Competition fo Excellence in Health Reporting for The Cancer Personality, 1991.
Major Armstrong Award for excellence in Broadcasting for The Cancer Personality, 1991.

Vita / Liste der Veröffentlichungen

Download (Dalhousie University, Stand Sept. 2014)

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