Atrazin, Komen und KFC: Bericht aus dem Zentrum der Belastung

(Last Updated On: 5. Dezember 2016)
Bildnachweis: Steve Hurbala, CC BY 2.0

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Unter dem Titel „Escape from the Heartland – Atrazine, Susan G. Komen, and KFC” berichtet Sandra Steingraber auf der Webseite von Breast Cancer Action Montreal über den Einsatz des Pestizids Atrazin, das allerdings in der EU derzeit löblicherweise verboten ist. Atrazin wird dennoch auch in Deutschland im Grundwasser gefunden. Obwohl bereits im März 1991 verboten, wird es „auf Jahre hinaus“ im Wasser nachweisbar bleiben. Wikipedia schreibt unter Eigenschaften, Atrazin sei nicht wasserlöslich. Die Biologin Sandra Steingraber berichtet, Atrazin sei wasserlöslich und gelange, angewendet als Pestizid, leicht in den Wasserkreislauf und werde so auch zum Bestandteil von Regentropfen, Schneeflocken und Nebel, um sich von dort aus weiter in der Atmosphäre zu verbreiten.

Atrazin – ein wanderndes Pestizid

Atrazin gehört zu den endokrinen Disruptoren und wird damit für die Begünstigung von Krankheiten wie Brustkrebs mitverantwortlich gemacht. Steingraber, die aus Illinois stammt, verweist darauf, dass in Illinois die Kontamination der fließenden Gewässer und des Grundwassers nachgewiesen sei. Die Unmöglichkeit, dieses „wandernde Pestizid“ wieder zu entfernen, wenn es erst einmal in die Natur gelangt ist, sei die Basis für das Verbot von Atrazin in der EU, so Steingraber, während es in den USA nach wie vor eines der am häufigsten eingesetzten Pestizide sei. So werde es in den USA regelmäßig bei Rohrzucker (90%) und Getreide (nahezu im gesamten Anbau) eingesetzt. Über den Welthandel von Nahrungsmitteln schließt sich ein Kreis, und Atrazin gelangt so schließlich über diverse Produkte hierzulande ebenfalls in die Nahrungskette. Im Mai 2011 haben besorgniserregende neue Forschungsergebnisse über negative Auswirkungen auf die Gesundheit die amerikanische Umweltschutzbehörde veranlasst, neue Prüfungen durchzuführen.

Atrazin als hormonell wirksame Chemikalie

Die hormonelle Wirksamkeit von Atrazin wird nach Steingraber mit folgenden Problemen in Zusammenhang gebracht:

  • Steigerung des Östrogenspiegels bei Lebewesen,
  • Manipulationen in der Genexpression,
  • Beeinflussungen bei der Funktion der Hypophyse,
  • Beeinflussung der Regulation der Ovulation,
  • verfrühter Eintritt der Pubertät,
  • Änderungen des Geschlechts bei Kaulquappen, wenn diese mit Atrazin kontaminiert werden,
  • Entstehung von Eierstockkrebs und Krebs des lymphatischen Systems beim Menschen,
  • Veränderungen des Brustgewebes, die als Prädisposition für Brustkrebs verstanden werden (Ergebnisse aus Tierversuchen), sowie
  • Störungen der Stillfähigkeit (Ergebnisse aus Tierversuchen).

Eine Gruppe von Einrichtungen der Wasserwirtschaft aus sechs amerikanischen Bundesstaaten hat im Jahr 2011 in den USA Klage gegen die Hersteller von Atrazin eingereicht, bei der es um die Rückerstattung der Kosten für die Wasserfilterung geht. Besondere Dringlichkeit habe diese Klage erhalten, da nachgewiesen wurde, dass im Großraum Chicago in rund 60 Gemeinden und einem Einzugsgebiet von mehr als einer Million Einwohnern Atrazin im Trinkwasser nachgewiesen wurde.

Steingrabers Komen Kritik

Steingraber stellt heraus, dass sie von einer führenden Brustkrebsorganisationen erwarte, dass diese eine klare Position zu Atrazin vertrete. Steingraber selbst, die an Blasenkrebs erkrankt ist, Susan G. Komen, nach der die Komen Foundation benannt wurde und die im Jahr 1980 an den Folgen von Brustkrebs starb, aber auch ihre Schwester Nancy G. Brinker, Gründerin von Komen, ebenfalls an Brustkrebs erkrankt, hätten in ihrer Kindheit das gleiche Wasser aus dem Sankoty Aquifer (Grundwasseraufbereitung in Illinois) getrunken.  Sie seien gemeinsam aufgewachsen im Zentrum mit der höchsten Atrazin-Belastung in den USA.

Steingraber hat die Komen-Webseite recherchiert mit dem Ergebnis, dass der Begriff Atrazin nicht vorkommt. Stattdessen fand Steingraber auf der Webseite die Komen-Kampagne „Buckets for the Cure“, bei der über den Konzern Kentucky Fried Chicken (KFC) mittels Verkaufs von ungesunden frittierten Hähnchen-Snacks (die durch den Gehalt von Acrylamid mit der Entstehung von Krebs in Zusammenhang gebracht werden) Geld in die Kasse von Komen gespült wurde.

Sandra Steingraber ist wissenschaftliche Beraterin von Breast Cancer Action. Breast Cancer Action startete gegen die „Unheilige Allianz“  und die Absurdität der „Heilung einer Krankheit“ (Brustkrebs) durch den Verkauf von krank machendem Fast Food, das u.a. die Entstehung von Brustkrebs begünstigt, eine eigene Kampagne.

„Zynische Heuchelei“

Steingraber beschreibt die Komen-Kampagne entsprechend als zynische Heuchelei.  Überdies würden Hähnchen ausgerechnet mit jenem Mais gefüttert, der mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Atrazin behandelt werde, mit einem Pestizid also, das mit der Entstehung von Brustkrebs in Zusammenhang gebracht wird. Hier schließt sich ein weiterer Kreis. Atrazin finde sich in den Flüssen und Bächen von Illinois und anderen Ländern, es regne über Nordamerika ab und es finde sich, schlimmer noch, in den Blutbahnen der Kinder, die in den Agrarregionen aufwüchsen. Steingraber hat Vertreterinnen Susan G. Komen zum Gespräch nach Illinois gebeten, um mit ihnen über Atrazin zu sprechen.

Erforderliche Änderungen bei gefährlichen Chemikalien – wann?

Es ist unwahrscheinlich, dass eine solche offene Diskussion über die Zusammenhänge zustande kommt, denn sie wäre einfach zu peinlich für „Komen“. Darüber hinaus besteht auf finanzkräftiger Seite der Konzern finanzierten Charities schlicht kein Interesse, die Profitinteressen der Konzerne (seien sie nun aus der Lebensmittelbranche, der Landwirtschaft, der Chemiekonzerne etc. etc. etc.) auch nur im geringsten zu beeinträchtigen.

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