Aus der Geschichte der Brustkrebsbewegung: „Frauengesundheiten“ von Groth/Rásky (Hg.)

(Last Updated On: 26. Juni 2016)

GrothFrauengesundheiten von Sylvia Groth, Éva Rásky (Hg)Studienverlag Innsbruck, Wien 1999. ISBN 978-3706513869

„Frauen als zentrale Multiplikatorinnen für die Gesundheit der gesamten Bevölkerung stehen zunehmend im Mittelpunkt der Gesundheitsforschung. In diesem Buch werden aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven verschiedene Strategien in der Frauengesundheitsforschung vorgestellt. Welche Bedingungen sind es, die Frauen gesund erhalten oder krank machen? Wie kann die Gesundheit von Frauen gefördert, aufrecht erhalten oder wiederhergestellt werden? Mit vielen praktischen Beispielen zur Förderung der Gesundheit von Frauen“. (Klappentext)

Der Sammelband enthält Beiträge zu Behinderung und Gender, zur Situation von Ärztinnen, Selbsthilfe und Public Health sowie zum Dilemma der Frauengesundheitsforschung. Zu Brustkrebs enthalten ist Regina Stolzenberg: Brustkrebs – eine politische Erkrankung und soziale Strategien zur Behandlung.

Bewegungsforschung

Stolzenberg beschreibt, wie die Krankheit in den USA zu einer sozialen Bewegung geführt habe, die bisher beispiellos in der Entwicklung sozialer Bewegungen sein dürfte und selbst die Errungenschaften der Aidsbewegung in den Schatten stelle, eine Sichtweise, die sich zumindest ein Stück weit heute relativiert hat, vor dem Hintergrund der vielfältigen Problematiken des beschriebenen Engagements und der Entwicklungen, die es in den nachfolgenden Dekaden genommen hat. Regina Stolzenbergs Beitrag ist in Hinsicht auf Themen wie der National Breast Cancer Coalition (NBCC), Hintergründe zur Entwicklung einer nationalen Strategie gegen Brustkrebs, das NBCC-Projekt LEAD, Finanzierung der NBCC, Brustkrebsmonat, in Hinsicht auf einzelne bekannte Aktivistinnen wie Audre Lorde, Love, Susan, Rachel Carson oder beispielsweise Sandra Steingraber und Einzelthemen wie die Selbstuntersuchung oder die chirurgische Rekonstruktion der Brust und Begrifflichkeiten wie „Brustkrebs-Epidemie“, „Brustkrebsbewegung“, Sexualisierung und endokrine Disruptoren eine ergiebige Quelle für öffentlichen Auseinandersetzung mit Brustkrebs gegen Ende der 1990er Jahre.

Veranstaltungen im Rahmen der Brustkrebsbewegung

Kurz berichtet werden verschiedene Veranstaltungen wie eine Berliner Podiumsdiskussion („Brustkrebs – öffentliches Thema oder Einzelschicksal?“ vom 30.10.1998 im Rathaus Schöneberg, als Diskussionsgast wurde u.a. Dr. Regine Hildebrandt, damals Ministerin in Brandenburg, erwartet) und die „1. World Conference on Breast Cancer“  (Juli 1997 in Kingston, Ontario, Canada. Diese ohne Gelder von Pharmafirmen finanzierte Konferenz erhielt Mittel über die Women’s Environment and Development Organization unter dem Vorsitz von Bella Abzug). Ebenfalls 1997 führte die NBCC in Brüssel die „World Conference on Breast Cancer Advocacy – Influencing Change“ durch. Kurze Schlaglichter zum Greenpeace Report „Chlorine, humane health, and the environment: the breast cancer warning”, Washington DC 1993, und zur Arbeit der deutschen Frauenselbsthilfe nach Krebs sind ebenfalls enthalten.

Selbsthilfe als informierte Entscheidung

Lesenswert, wenn auch vielleicht nicht ganz frei von Esoterik, ist in dem von Sylvia Groth und Éva Rásky herausgegebenen Band neben allen anderen Beiträgen „Selbsthilfe als informierte Entscheidung“ von Juliane Beck, die sich mit dem Risiko in der Medizin, Wahlmöglichkeiten, Dialog in der Schulmedizin, Dialog statt Herrschaft, Entscheidung und den Chancen der Gruppe befasst. „Älter werdend, empfinde[t sie], dass das Leben leichter ist, wenn ich nicht mit einer Glückserwartung, sondern mit der Perspektive des Leidenkönnens, des Überwindens entgegentrete und eine Vermeidungshaltung aufgebe“ (unter Bezugnahme auf Ivan Illich). Für Beck gilt es, „als Folge des exakten Spürens und Benennens des Gespürten verantwortliche Entscheidungen für den eigenen Lebensfluss im großen Strom unserer Epoche zu treffen. Diese einzelnen, mutigen, ganz persönlichen Entscheidungen haben danach Einfluss auf die gesamte medizinische Landschaft, wenn ihre Essenz durch medienwirksame Bilder und FürsprecherInnen an die Öffentlichkeit gebracht wird und auf ein Zeitbedürfnis treffen“.

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