Bisphenol A in Lebensmittelverpackungen: HEAL fordert Verbot

(Last Updated On: 5. Dezember 2016)

Vorbemerkung

An dieser Stelle geben wir die aktuelle Pressemeldung von HEAL wieder, einer Organisation, die wir seit Jahren wegen ihrer Arbeit zu endokrinen Disruptoren und den Auswirkungen auf die Entstehung von Brustkrebs verfolgen. Wir legen dabei in erster Linie Wert auf die Vermeidung von Krankheit, unermesslich viel Leid und Tod von Frauen. Unnötige Umweltbelastungen und Gesundheitsschädigungen sollen im Interesse von Lebensrecht und Gesundheit von Frauen, Mädchen und Kindern vermieden werden. Diese Pressemeldung archivieren wir deswegen vorwiegend wegen der Literaturhinweise und Links. Und wir schließen uns den Forderungen von HEAL an: Die Verwendung von Bisphenol A ist aus Gründen des vorsorgenden Gesundheitsschutzes für alle zu vermeiden.

Pressemeldung von HEAL – Health and Environment Allicance

HEALBrüssel, 24. Januar 2014 – Die Europäische Union sollte die Verwendung von Bisphenol A (BPA) in Lebensmittelverpackungen untersagen. Das fordert die Health and Environment Alliance (HEAL), ein Zusammenschluss von Nichtregierungsorganisationen, der auf EU-Ebene zu den Gesundheitsauswirkungen von Umweltverschmutzung arbeitet. HEAL beruft sich dabei auf eine Studie aus den USA. Darin wurden zum ersten Mal die durch die Verwendung der Chemikalie BPA verursachten Gesundheitskosten berechnet.

Die am 22.1.2014 in der Zeitschrift HEALTH AFFAIRS (1) erschienene Veröffentlichung einer in den USA durchgeführten Studie zeigt auf, dass die Kosten im Gesundheitswesen der USA durch ein Verbot für BPA enorm gesenkt werden könnten. Die Autoren sprechen von Einsparungen in Höhe von EUR 1.28 Milliarden (1.74 Milliarden US$)  bei Verzicht auf BPA in Lebensmittelverpackungen und vergleichbaren Anwendungen. Dann ließen sich 6.236 Fälle von massivem Übergewicht bei Kindern und 22.350 Fälle von Herz-Kreislauf-Erkrankungen in den USA verhindern. (2) 

Konsequent vermeiden: Getränke- und Konservendosen mit Beschichtung!

BPA ist eine Chemikalie, die in der Produktion von stabilen Kunststoffen zum Einsatz kommt und vor allem als Innenauskleidung von Getränke- und Konservendosen breite Anwendung findet. Wissenschaftler vermuten, dass BPA zu den hormonell wirksamen Substanzen gehört, die in das Hormonsystem eingreifen. Das Europäische Klassifizierungssystem für Chemikalien bestätigt dies offiziell noch nicht.

Aus der Wissenschaft kommen zunehmend Erkenntnisse auf durch BPA verursachte Gesundheitsauswirkungen, die die Fortpflanzungsfähigkeit, das Nervensystem, das Immunsystem, das Risiko an Krebs zu erkranken (z.B. an Brustkrebs) sowie den Stoffwechsel oder das Kreislaufsystem betreffen. Sowohl die Europäische Kommission wie auch US-Behörden haben deshalb bereits ein BPA-Verbot für Babyfläschchen erlassen, allerdings hinsichtlich der Lebensmittelverpackungen noch keine Schritte unternommen.

Die Studie beruft sich auf eine Kostenkalkulation für BPA aus dem Jahr 2008 und auf in den USA neu entwickelte Berechnungsverfahren („dose-response“ calculations). (1) Die wahren Gesundheitskosten, die BPA verursacht, liegen wahrscheinlich noch höher als die publizierten, da sich die Untersuchung ausschließlich auf den Zusammenhang von Fettleibigkeit und Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit Lebensmittelverpackungen bezog. BPA wird jedoch in einer Größenordnung von mehr als einer Million Tonnen pro Jahr weltwelt produziert und hat vielfältige Anwendungsformen. (3)

Die Autoren der Studie argumentieren, dass die durch verminderte BPA-Verwendung erzielte Senkung der Gesundheitskosten die Investitionen in die Entwicklung und Anwendung von sicheren Ersatzstoffen für BPA finanzieren könnte. 

EU arbeitet zur Zeit an Regulierung

HEAL setzt darauf, dass die EU-Kommission die neuen Forschungsergebnisse registriert und bereit ist, alle bisherigen Regulierungsverfahren (etwa REACH) zu überdenken. Génon K. Jensen, die geschäftsführende Direktorin von HEAL, weist darauf hin, dass die EU zur Zeit dabei ist, die Regulierung von hormonell wirksamen Substanzen (Endokrinen Disruptoren, ED) zu überarbeiten.

“ Die Regulierung von hormonell wirksamen Substanzen ist gerade für BPA von hoher Bedeutung, ,“ betont Jensen.“Diese Studie entspricht genau unseren Vorstellungen von Analysen, wie wir sie im anstehenden Impact Assessment für ED-Kriterien sehen möchten. Denn wir brauchen eine umfassende Schätzung von Kostensenkungen und Einsparungen für Gesundheitsausgaben. Das geplante Impact Assessment erstreckt sich zwar dem Wortlaut nach nur auf Pestizide, jedoch wissen wir, dass die Bevölkerung über die verschiedensten Wege mit den hormonell wirksamen Stoffen in Berührung kommt, die sich dann im Körper anreichern können. Deshalb sind Kostenberechnungen für Gesundheitsauswirkungen aus verschiedenen Quellen von Bedeutung.“

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat gerade erst eine öffentliche Konsultation eröffnet, die sich auf ein kürzlich fertig gestelltes Gutachten über die gesundheitlichen Risiken von BPA bezieht. (4) In diesem heißt es abschließend, dass mögliche Auswirkungen auf Fortpflanzungsfähigkeit, das Nervensystem, das Immunsystem, das Risiko an Krebs zu erkranken sowie auf Stoffwechsel oder das Kreislaufsystem eher unwahrscheinlich seien.

Der französische HEAL-Mitgliedsverband Réseau Environnement Santé (RES) beantwortet dies mit der Feststellung, dass EFSA zwar einerseits den Grenzwert für die täglich erlaubte Aufnahme von BPA nach unten korrigiert habe, andererseits aber fortfahre, den überwiegenden Teil von veröffentlichten Forschungsergebnissen zu BPA zu ignorieren.

“Fünfundneunzig Prozent von 900 veröffentlichten Studien über die Toxizität von Bisphenol A präsentieren positive Befunde,“ sagt André Cicolella, Toxikologe und Präsident von RES. „Während EFSA auf der einen Seite anerkennen musste, dass es neue Erkenntnisse zu Auswirkungen von BPA auf Fortpflanzungsfähigkeit, Stoffwechsel, das Immun- und das Kreislaufsystem sowie auf die Entwicklung des Nervensystems gibt, wird all dies mit einem Handstreich als irrelevant abgetan.“(5)

HEAL und andere Gesundheits- und Umweltgruppen, wie etwa CHEM Trust aus Grossbritannien, zeigen sich besorgt, dass in diesen Zeiten ökonomischer Rezession die Regulierungshörden eine auf ökonomischen Erfolg ausgerichtete Vorgehensweise bevorzugen und nicht bereit sind, die Industrie mit Regulierungskosten zu belasten. Dazu Elisabeth Salter Green von CHEM Trust: “Das wäre eine kurzsichtige Herangehensweise, denn berücksichtigte man die potentiellen Gesundheitsgewinne, die durch strengere Regulierung erzielt werden können, würden die Einsparungen im Gesundheitswesen die Kosten für die Industrie übertreffen.“ Und sie fügt hinzu: „Es müssen doch die „wahren“ und gesamten Folgekosten der Exposition gegenüber BPA und anderen hormonell wirksamen Chemikalien im Rahmen von Regulierungsprozessen berücksichtigt werden.“

HEAL ist Mitglied einer Koalition von Gesundheits- und Umweltgruppen, die unter dem Namen EDC Free Europe (6) bekannt ist. EDC Free Europe setzt sich ein für eine ganzheitliche Herangehensweise bei den EU-Entscheidungsprozessen zur Regulierung von Endokrinen Disruptoren, die gesundheitliche, soziale und ökonomische Belange im Zusammenhang sieht. Eine solche Sichtweise integriert die Investitionskosten einzelner Unternehmen für die Entwicklung von Ersatzsstoffen in einen breiten gesamtgesellschaflichen Kontext.

Kontakt zu HEAL

Angela Franz-Balsen, Chemicals and Health Coordinator , Health & Environment Alliance (HEAL), E-mail: angela@env-health.org, Tel: +32 2 234 36 44. Mobile: +32 473 132 026

Quellen

1. Further limiting bisphenol A in food uses could provide health and economic benefits, erschienen bei Health Affairs am 22. Januar 2014

Die Studie basiert auf Daten aus dem Jahr 2008, die aufzeigten, dass die Auswirkungen von BPA-Exposition mit 12.404 Fällen von starkem Übergewicht bei Kindern und 33.863 Fällen von neu aufgetretenen Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht werden kann, verbunden mit geschätzten gesellschaftlichen Kosten in Höhe von EUR 1,28 Milliarden.

2. Die Sensitivitätsanalyse ergab einen Spielraum von EUR 657 Mio. – EUR 10.8 Mrd. pro Jahr.

3. Obwohl Lebensmittel die Hauptaufnahmequelle für BPA darstellen, sind auch Zahnversiegelungen und Thermalpapier als Übertragungswege in Betracht zu ziehen.

4. European Food Safety Authority (EFSA): Bisphenol A: EFSA consults on assessment of risk to the human health

5. Pressemitteilung, Réseau Environnement Santé, 17 January 2014 http://reseau-environnement-sante.fr/

6. EDC-Free Europe ist ein Zusammenschluss von mehr als 31 Nichtregierungsorganisationen aus ganz Europa. Der Zusammenschluss entstand aus Besorgnis bezüglich Endokriner Disruptoren (ED) und dem Bestreben, öffentliches Problembewusstsein zu schaffen und staatliche Maßnahmen zu beschleunigen.
Mehr dazu unter: www.edc-free-europe.org

Über HEAL

HEAL – Health and Environment Alliance – ist ein Zusammenschluss von Nichtregierungsorganisationen, der auf EU-Ebene zu den Gesundheitsauswirkungen von Umweltverschmutzung arbeitet. Wir sind eine der führenden Organisationen auf dem Gebiet .Mit der Unterstützung von über 65 Mitgliedsverbänden bringt HEAL unabhängige Expertise aus dem Gesundheitssektor in verschiedene Entscheidungsprozesse ein. Unsere Mitglieder sind international und europaweit tätige Organisationen sowie nationale und lokale Gruppen, deren Spektrum von Gesundheitsexperten, Ärzten, Krankenschwestern und Selbsthilfegruppen bis zu Frauenorganisationen und Jugendgruppen reicht. www.env-health.org

 

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