Die Sexualisierung von Brustkrebs

(Last Updated On: 29. November 2020)

Die Sexualisierung von Brustkrebs beschreibt die polnische Medizinsoziologin Dr. Edyta Zierkiewicz, die an der Pädagogischen Fakultät der Breslauer Universität lehrt. 1

Zierkiewicz führt die Sexualisierung von Brustkrebs darauf zurück, dass in „modernen Kulturen“ der ästhetische/erotische Wert der weiblichen Brüste dominiere. Für ihre Präsenz im öffentlichen Raum gebe es jedoch inoffizielle Spielregeln. Was „präsentiert“ werden dürfe oder Bewunderung verdiene, könne nicht „alt, schlaff, asymmetrisch, sehr klein, stillend (mit einem Baby, das daran befestigt ist), deformiert oder z.B. chirurgisch verstümmelt sein“.

Im Weiteren geht sie der Frage nach, wie es dazu kommen konnte, dass Brustkrebs heute so populär geworden ist. Sie beschreibt dies als schleichende Entwicklung, die in den 1930er Jahren ihren Anfang nahm, als die amerikanische Gesellschaft zur Prävention und Bekämpfung von Krebs die Women’s Field Army (WFA), eine Freiwilligenorganisation, gegründet hat, die für die Tastuntersuchung der Brust durch Ärzte warb.2

Zierkiewicz beschreibt, wie im Weiteren Brüste im Zusammenhang einer möglichen Krebserkrankung „von  Ärzten monopolisiert“ wurden. Frauen habe man eine „einfache Lösung“ angeboten, die Mastektomie. Von ihnen sei nur erwartet worden, dass sie die Symptome bemerken und so schnell wie möglich medizinische Hilfe suchen. Die chirurgische Verstümmelung von Frauen sei jahrzehntelang als wissenschaftlich ungerechtfertigtes medizinisches Routineverfahren angewendet worden, gegen das Frauen und Aktivistinnen sich lange zur Wehr setzen mussten, bevor auch Alternativen schließlich zugelassen wurden.

Die mit dem Aktivismus entwickelte „rosa Schleife“ sei Symbol einer sekundären Tabuisierung. Präsentiert wird jetzt eine „niedliche“ rosa Schleife, nicht etwa die Folgen der Krankheit für Frauen, die schließlich das soziale Feld im Zusammenhang mit Brustkrebs besetzt.

Überlebende Frauen seien zu Heldinnen lokaler Communities und globaler Medien geworden, einhergehend mit einer aufdringlichen Sexualisierung von Brustkrebs, die [z.B.] in den polnischen Medien und in Broschüren zur Brustkrebsvorsorge als kommerzielles Label mit der nackten, jungen und hübschen weiblichen Brust üblich geworden sei. Dazu stellt Zierkiewicz fast lakonisch fest: Die Objektivierung des weiblichen Körpers und die Sexualisierung von Krankheiten beleidigen praktisch niemanden; ganz im Gegenteil – sie gelten als angemessen, sogar erwünscht. Auch in diesem Zusammenhang müssten weibliche Brüste, von Krankheit bedroht, immer noch verführerisch und sexuell attraktiv wirken, auch Krebs sei nur eine Episode, die Frauen nicht davon befreit, „weiblich“ zu sein.

Was Edita Zierkiewicz in diesem Artikel für ein kulturwissenschaftliches Magazin nicht erwähnt: Oft sind es betroffene Frauen selbst gewesen, die die sexualisierenden Praktiken frühzeitig durchbrochen haben, seien es die von Edyta Zierkiewicz als „weniger mainstreamig“ beschriebene Amerikanerin Deena Metzger mit ihrem „Warrior Poster, und die Britin Jo Spence und nicht zu vergessen Matuschka (Joanne Motichka, Jg. 1954) mit dem Cover des New York Times Magazine vom 15. August 1993, das in die Rubrik sexualisierend nicht passt.

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Edyta Zierkiewicz: Breast (and) Cancer. Sexualisation as a Strategy of (De)tabuization of Illness

References

  1. Edyta Zierkiewicz: Breast (and) Cancer. Sexualisation as a Strategy of (De)tabuization of Illness in der Ausgabe 7 des RTV Magazine, einer polnischen online-Plattform für zeitgenössische Kunst und Aktivismus in der Rubrik „krytyka“ (leider ohne Jahr).
  2. unter Bezugnahme auf: Gardner, Kirsten E., Early detection. Women, cancer, and awareness campaigns in the twentieth century United States, Chapel Hill: University of North Carolina Press, 2006