Gesundheit und Glück

(Last Updated On: 21. Juli 2007)

Jeanne gewidmet

Vierblätteriges Kleeblatt

Für Jeannes „Cancer Bloggers Join Forces Again: Health and Happiness

Meine Freundin Jeanne Sather, „The Assertive Cancer Patient“ – die selbstbewusste Krebspatientin – macht gerade eine Aktion zu „Gesundheit und Glück“ im Kontext schwerer und lebensbegrenzender Erkrankung und sammelt Beiträge. Hier ist meiner …

Auch in der deutschen Sprache sind Standardsprüche weit verbreitet, die uns lebenslänglich begleiten, wenn es um Gesundheit geht. Solange wir nicht von einer lebensbedrohlichen Perspektive betroffen sind, setzen wir sie unbefangen ein, auch wenn die Wichtigkeit häufig nicht ganz real dabei ist. Ist Gesundheit etwa keine Selbstverständlichkeit? Und ist es möglich, sie sicher zu manipulieren, also gesund zu bleiben? Die Wünsche und Sprüche zur Gesundheit sind allgegenwärtig, sie beginnen bereits vor der Geburt. „Wird es ein Junge oder ein Mädchen?“ Werdende Eltern des ungeborenen menschlichen Winzlings antworten obligatorisch: „Egal, Hauptsache gesund“.

Wie zerbrechlich ist die menschliche Natur – obwohl – wir blenden es aus, solange wir jung und topfit sind. Das Gefühl der Unverwundbarkeit und Unsterblichkeit verhindert, über diese Zerbrechlichkeit permanent nachzudenken oder deswegen nun dauernd Ängste zu hegen. Ist ja auch gut so.

Der massive Schlag, dass die eigene Gesundheit irreparabel mit einer Krebsdiagnose kaputt gehen kann, ist solange fern, bis er eintrifft. Krebs ist heilbar. Auch intelligente Menschen konfrontieren uns nach der Diagnose immer wieder mit „Heilung“. Mit der eigenen Betroffenheit entsteht ein anderes Verständnis für die Endlichkeit. Es muss nicht zwangsläufig im Laufe eines Lebens passieren. „Nur“ jede/r Zweite muss mit der Diagnose irgendwann klarkommen.

Ich habe lange gebraucht, um mich etwas davon zu erholen. Mindestens ein Jahr lang hatte ich nur noch das Gefühl, dass meine letzte Zeit zerrinnt und ich unweigerlich zukünftig auf alles was ich liebe, verzichten muss. Am schlimmsten war dieses Gefühl mit Blick auf meinen Sohn, der damals 11 Jahre alt war. Ein Gefühl, wie auf den Gleisen zu stehen, während der Zug, das Unheil, unweigerlich in rasender Geschwindigkeit auf mich zukam, blieb ich gelähmt und bewegungsunfähig. Glück ist, ein Kind nicht verlassen zu müssen.

Das alles hat mich nicht gerade glücklich gemacht, im Gegenteil. Nachdem die Chemotherapie hinter mir lag, begann ich wieder zu arbeiten. Die Therapien liefen weiter, zuerst über ein Jahr lang wöchentlich, dann monatlich Infusionen mit zytostatisch wirksamen Medikamenten. Nach sechs Jahren habe ich aufgehört, mich „bis an die Zähne mit Medikamenten zu bewaffnen“, haben sie mein Leben gerettet, verlängert oder mich nur weiter beschädigt? Ich weiß es nicht mehr. Besonders leicht war die Gratwanderung nicht. Dazu die Untersuchungen. Warten auf das „Urteil“. Genehmigung zum Weiterleben. Das köstliche Glück nach guten Befunden hält meistens ein paar Tage, bis neue Zipperlein wieder Fragen aufwerfen, es reißt nie ab. Und weinen musste ich in den ersten Jahren auch so genug. Die anderen leben weiter … und ich? Der Weg zurück in das alte Leben ist für immer verschlossen. Manchmal musste ich mir einen Raum suchen und mich einschließen. Alle Traurigkeit der Welt holte mich ein, nichts ging mehr. Am Schlimmsten waren und bleiben die Nächte. Die Nacht ist der Ort der Angst. Angstzustände kriechen rauf.

Glück ist für mich, dass mein Sohn „gesund“ ist. Als mein Sohn zwei Jahre später Verdacht auf einen Knochentumor im Bein hatte, waren es meine bisher schwersten Stunden. Ein Film spulte vor meinem inneren Auge ab. Was nun alles passieren würde und dann kam die Entwarnung. Die Erleichterung und das Glück waren eine Utopie. Glück, dass mein Mann seinen schweren Autounfall vor einem Jahr überlebt hat. Glück ist meine Arbeit, dass ich die Wege schaffe, wo ich nun fast ein Jahr nicht laufen konnte. Glück habe ich seitdem am meisten in den kleinen einfachen Dingen gefunden, in Freundschaften und kostbaren Menschen, die mir immer und gerade durch die Krankheit erst begegnet sind. Wieder Verdacht auf Tumor, bei einer Freundin, bei mir. Entwarnung und Glück – unter dem Damoklesschwert.

Man lebt „intensiver“, „bewusster“, all die Beschreibungen, die den Krebs als die große positive Wende zeigen, lösen bei mir Abwehr aus. Gesundheit ist wichtig, aber nicht das Maß aller Dinge … Die menschliche Zuwendung ist kostbar, das Aushalten und der Mut und die Mühe. Glück ist nicht, sich abzuwenden, Glück ist zu bleiben.

Gudrun

Links:

English Version/Text in englischer Sprache
Jeanne Sathers Blog „The Assertive Cancer Patient

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