Halsted, William Stewart

(Last Updated On: 3. Januar 2020)

Lebensdaten

William Halsted, 1922. Bildnachweis History of Medicine Archive, Public Domain

William Halsted, 1922. Bildnachweis National Library Medicine, Public Domain

Dr. William Halsted (* 23. September 1852 in New York City; † 7. September 1922 in Baltimore) war ein Chirurg am Johns Hopkins Hospital in Baltimore, USA.

Die Mastektomie nach Halsted – Ein chirurgisches Operationsverfahren von maximaler Radikalität

Halsted führte zur Behandlung von Brustkrebs eine besonders radikale Form der Mastektomie ein, die nach ihm auch „Halsted-Mastektomie“ benannt wurde. Anders als bei der „einfachen“ Mastektomie wurden bei dieser Radikaloperation alle Gewebe entlang der Brustwand entfernt. Die Operation hinterließ die betroffenen Frauen mit schwersten Vernarbungen, oftmals zusätzlich behindert durch ein Lymphödem, dass den betroffenen Arm anschwellen ließ. Der an Brustkrebs erkrankten Frau wurde schlicht gesagt, dass es gemacht werden muss. Dass es Alternativen gäbe, wurde nicht vermittelt.1

Mangelnde Wertschätzung gegenüber Frauen

In den 1890er Jahren hatte der Chirurg William Halsted seine extensive und entstellende Operation, die „Mastektomie nach Halsted“, als Heilung mit Haken vorgestellt: Sie funktioniere nur, wenn der Tumor „früh genug“ entdeckt würde. Wenn eine Patientin trotz der radikalen Operation starb, konnten Halsted und seine Nachfolger ihren Glauben aufrecht erhalten, dass die Operation kurativ gewesen sei – wenn die Frau den Tumor doch nur rechtzeitig gefunden hätte!

Mastektomie nach Halsted, Wellcome Images, CC BY 4.0

Das Vertrauen in die „Heilung per Mastektomie“ – einer OP, die ohne wissenschaftlichen Nachweis für ihre heilende Wirksamkeit angewandt wurde, habe nahezu ein Jahrhundert angehalten, trotz des Todes ungezählter Frauen, die dieser Operation unterzogen wurden und die sich von den Folgen der Operation nicht erholten. Anders denkende ÄrztInnen begannen bereits in den 1920er Jahren zu fragen, warum die Sterblichkeitsrate bei Brustkrebs nicht sank, wenn doch Halsteds radikale Mastektomie so viele heilen würde.  Unter Ausnutzung ausgefeilter statistischer Techniken argumentierten sie – vergeblich –, dass die sofortige oder verspätete Entdeckung die Überlebensraten zu höchstens fünf bis zehn Prozent beeinflusst. Der Chirurg und Medizinethiker Barron Lerner verweist auf unzählige soziale Faktoren, die insgeheim dazu beigetragen hätten, das Vertrauen in Halsteds Verfahren und auch in die Früherkennung aufrecht zu erhalten, einschließlich des Mitschwingens US-amerikanischer kultureller Werte einer genderspezifischen Botschaft, die Frauen für ihre Gesundheit persönlich verantwortlich macht und die bis heute nachwirkt.2

Mukherjee über Halsted

Ausführlich setzt sich u.a. der Arzt und Bestsellerautor Siddhartha Mukherjee in seinem Buch The Emperor of all Maladies (dt. Ausgabe erschienen unter dem Titel „Der König aller Krankheiten„) mit Halstedt auseinander. Er bezeichnet Halsted als „Vaters der Brustamputation“. Halsted, der die schreckliche Operation zuerst 1882 ausführte, habe bis heute die Übermacht der Krebsmedizin (über den Körper der Frau) geprägt. Ohne Beweis einer Wirksamkeit sei Halsteds radikal verstümmelnde Operationsmethode, die Mukherjee als „majestätisch, mängelbehaftet“3 bezeichnet, zu einem verunstaltenden Ritual geworden, das Frauen mit Brustkrebs während einer rund 100 Jahre währenden Zeitspanne angetan wurde, bis sich endlich entschieden Widerstand bei Frauen regte.

Schonendere OPs sind heute Standard

Inzwischen ist wissenschaftlich belegt, dass schonendere Operationsverfahren (sog. BET, „Brust erhaltende Therapie“) keine schlechteren  bzw. sogar bessere Überlebensraten erzielen. Die Mastektomie wird nur bei lokal fortgeschritteneren Brustkrebserkrankungen heute noch, wenn auch in weniger ausgeprägter Radikalität, als Standardtherapieverfahren eingesetzt.

Erneute Zunahme chirurgischer Radikalität durch Gendiagnostik

Kaum konnten sich schonendere Operationsverfahren wie die Brust erhaltende Therapie (BET) gegen Ende des 20. Jahrhunderts als neuer Standard durchsetzen, hat sich die Situation wieder verändert. Eine Renaissance bzw. Aufwärtstrend erfährt die Operationsmethode der einfachen, dafür aber häufiger inzwischen gleich doppelseitig durchgeführten Mastektomie seit der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts, seitdem verschiedene prominente Frauen wie Angelina Jolie, Christina Applegate u.a. ihre persönlichen Wege des Umgangs mit Krankheit und Genveränderungen öffentlich gemacht haben.

 

References

  1. s.a. Groopman, J. in The sexual politics of breast cancer, Jan. 9., 2000, NYT 
  2. So z.B. beschrieben von Sharon Batt in „Social Disease“ (Krankheit der Gesellschaft)
  3. S. 106, im Original „majestic and flawed“
8 Kommentare