Krebs in der „Leistungsgesellschaft“: Brustkrebs in der Arbeitswelt

(Last Updated On: 26. Februar 2016)

Die Bloggerin Grazia De Michele, die in englischer Sprache für Breast Cancer Action Brighton in Großbritannien unterwegs ist und mit ihrem Blog Le Amazzoni Furiose in italienischer Sprache schreibt, berichtet aktuell auf der Online-Plattform medium.com zu ihren Erfahrungen auf dem britischen Arbeitsmarkt unter dem Titel: Du hattest Krebs oder Nicht fit für den Arbeitsmarkt?

Kein Rückweg in das Leben ohne Krebs

Als junge Wissenschaftlerin, die von Brustkrebs betroffen ist, sind ihre Erfahrungen enttäuschend. 2005 war sie von Italien nach Großbritannien gezogen, um dort ihre Masterarbeit abzuschließen, eine Doktorarbeit sollte folgen. Doch sie erkrankte im Jahr 2010 im Alter von 30 Jahren an Brustkrebs. Grazia De Michele schreibt, dass Krebs ihr Leben für immer verändert hat. Nach Chirurgie, Chemotherapie, Strahlentherapie, Hormontherapie und weiteren Medikamenten sei für sie die Rückkehr in das alte Leben vor Krebs mehr möglich. Die „Normalität“ fehle: „Krebs ist keine Erfahrung, die man vergessen kann“, sagt sie.

Qualifiziert, jung, Krebs

Zwar konnte De Michele 2012 ihre Doktorarbeit in Zeitgeschichte abschließen. Doch eine bezahlte Stelle als Wissenschaftlerin findet sie nicht. Nur als Lehrbeauftragte kann sie ab und zu ein wenig arbeiten. Sie schreibt, ihr Mann habe glücklicherweise eine gute Stelle. Das Steuergeld, das in ihre Ausbildung floss, bewertet sie weniger positiv: rausgeschmissenes Geld. In einer Gesellschaft, in der sich Menschen de facto vorwiegend über ihre beruflichen Erfolge und Misserfolge definieren, überträgt De Michele die negative Bewertung zugleich auf ihr Leben und ihre Hoffnung.

Weniger qualifizierte Tätigkeit

Nach ihrem Umzug nach Brighton sah De Michele ein Stellenangebot (Büroarbeit in Teilzeit) in der Nachbarschaft. Sie bewarb sich für diese Bürotätigkeit in einem kleinen Tante-Emma-Laden um die Ecke. Nach den üblichen Fragen zu Familienstand und Kindern soll sie sich zunächst einarbeiten: unbezahlt. Anschließend soll die Tätigkeit mit dem Mindestlohn vergütet werden.

Nachsorge und Arbeitsplatz

In dieser Phase stehen auch Nachsorgeuntersuchungen für sie an, eine Zeit voller Stress und Angst für Menschen mit Krebs. Im englischen Sprachgebrauch haben PatientInnen dafür den Begriff „scanxiety“, zusammengesetzt aus den Wörtern Scan und Angst, gefunden. Wer diese Situation selbst durchlebt hat, weiß, dass die Angst vor den Untersuchungsergebnissen, vor sog. Nachsorgeuntersuchungen in medizinischen Geräten vom PET über CT und MRT, einem Urteil, manchmal sogar einem Todesurteil, gleichkommt.  Wem hilft das Ergebnis dieser Form der Nachsorge wirklich?

Arbeitgeber spielen eine zentrale Rolle

Grazia De Michele entschied sich, offen mit ihrem Arbeitgeber über die anstehenden Untersuchungen zu sprechen. Ihr Chef beruhigte sie zunächst. Alles kein Problem, so die Ansage. Sie war erleichtert. Doch als sie nach wenigen Tagen ihre Arbeit wieder aufnehmen wollte, hatte der Chef seine Meinung geändert. Die Stellenanzeige hing wieder aus. In einem Telefongespräch wurde ihr übermittelt, dass der Chef in seinem Büro keine Krebspatienten beschäftigen möchte.

Krebspatientinnen rausschmeißen?

Die von Gracia De Michele beschriebene Situation am Arbeitsmarkt scheint auch in Deutschland zumindest nicht ganz unüblich zu sein. Im Jahresbericht 2014/2015 des Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e.V. (AKF) weist der Verband darauf hin, dass Einzelfallberichte von Frauen eingegangen sind, die während der Probezeit die Diagnose Brustkrebs erhielten. Hier sei es arbeitgeberseitig mehrfach zu Kündigungen gekommen. Frauen mit Brustkrebs in dieser Situation haben keinen wirksamen Kündigungsschutz. Eine entsprechende Information, z.B. für Frauen, die am Mammographie-Screening teilnehmen, gibt es bisher nicht. Die AG Brustkrebs im AKF wird sich mit möglichen Wegen zur Verbesserung der Situation befassen.

Schluss mit Diskriminierung von Krebspatientinnen am Arbeitsplatz

Alternative Finanzierungsformen für einen angemessenen Lebensunterhalt unsere Gesellschaft auch Krebspatientinnen nicht. Nur wenige Forschungsarbeiten befassen sich bisher mit Diskriminierung von Krebspatientinnen am Arbeitsplatz. Die Politik ist zum Schutz von Krebspatientinnen auch in Deutschland bisher nicht aktiv geworden, wie in Großbritannien, der Schutz ist unzureichend. De Michele fragt sich, ob es nicht an der Zeit wäre, als Krebspatientin für etwas Aufmerksamkeit zu sorgen, damit diese Form der Diskriminierung eingedämmt wird.

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