Neuer Entwurf Mammographie-Merkblatt der Krebsfrüherkennungsrichtlinie beim G-BA veröffentlicht

(Last Updated On: 10. Oktober 2014)

Das Merkblatt der Krebsfrüherkennungsrichtlinie ist die zentrale Information, mit der Frauen in Deutschland über das Mammographie-Screening-Programm informiert werden. Es soll jetzt aktualisiert werden. Der Sprachgebrauch (Duktus) des alten Merkblatts stand in der Kritik. Gute Praxis Gesundheitsinformation (pdf bei versorgungsleitlinien.de) hat bei der Neugestaltung des Merkblatts eine Rolle gespielt.

In der Beschlussbegründung des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) zum Merkblatt vom 18.02.2010 wird wieder festgehalten, dass das Ziel der Früherkennung von Brustkrebs durch Mammographie-Screening „die deutliche Senkung der Brustkrebssterblichkeit in der … anspruchsberechtigten Bevölkerungsgruppe“ sei. Doch die Möglichkeit einer Senkung der Brustkrebssterblichkeit durch Mammographie wird mehr und mehr kritisch bewertet oder sogar für unrealistisch gehalten.

Die neue Version des Merkblatts in der zur Zeit vorgelegten Vorabversion ist verbesserungsfähig. Das Bundesgesundheitsministerium wird die Textversion noch überprüfen und notwendige Korrekturen hoffentlich anbringen. Auf nachfolgende Inhalte wird hier – neben der Forderung nach einer klaren Aussage zu der zu erwartenden bzw. nicht zu erwartenden Senkung der Brustkrebssterblichkeit nach heutigem Wissensstand – hingewiesen:

  • Das Merkblatt in seiner Neufassung lässt Hinweise auf weiterführende Informationen zum Mammographie-Screening – zum Beispiel auf die Broschüren des Nationalen Netzwerks Frauen und Gesundheit – vermissen.
  • Die Zielsetzung des Mammographie-Screenings erscheint verzerrt. Die Widersprüchlichkeiten der Zielsetzung (s.oben, Senkung der Sterblichkeit) werden klar formuliert. Weiter heißt es: „Ziel der Untersuchung ist es, Brustkrebs möglichst früh zu entdecken, um ihn noch erfolgreich behandeln zu können.“ Hier fehlt ergänzend zumindest, dass Brustkrebs wahrscheinlich in der großen Mehrzahl der Behandlungsfälle unabhängig vom Zeitpunkt der Diagnose mit gleichem Ergebnis hinsichtlich des Überlebens behandelt werden kann.
  • Die Zahlenangaben zur Brustkrebsinzidenz in Deutschland bleiben verwirrend. Wurde in der (pdf, Deutscher Bundestag) Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für Gesundheit zur Drucksache 14/6453 vom 16.05.2002 noch von jährlich 47.000 Neuerkrankrankungen bei Brustkrebs in Deutschland ausgegangen, so liegen die im Merkblatt angegebenen Zahlen jetzt bereits bei 57.000. Ist die Brustkrebsinzidenz in Deutschland seit dem Jahr 2002 um 20% angestiegen? Und liegen die Ursachen dafür bereits beim Mammographie-Screening?
  • Obwohl sich das Merkblatt auf Gute Praxis Gesundheitsinformation (s. oben) beruft, sind die im Zusammenhang mit Brustkrebsvorstufen (z.B. DCIS) vermittelten Informationen unzureichend und patriarchalisch formuliert. Eine Therapieentscheidung wird im Merkblatt bereits vorweggenommen, Zitat: „Da sich nicht vorhersagen lässt, welcher sich weiterentwickelt, werden alle DCIS behandelt.“ Nach Gute Praxis Gesundheitsinformation sollen Gesundheitsinformationen befähigen, eigenständig oder gemeinsam mit anderen Entscheidungen zu Gesundheitsfragen zu treffen, die den persönlichen Präferenzen, Wertvorstellungen und Lebenssituationen so weit wie möglich entsprechen. Da wahrscheinlich rund 2/3 der DCIS-Erkrankungen nicht fortschreiten, bestehen unterschiedliche Möglichkeiten des Vorgehens.
  • Die Information zur Strahlendosis ist nachweislich falsch. Im Merkblatt heißt es: „Dabei wird Ihre Brust zwischen Platten gedrückt. Je flacher die Brust gedrückt wird, desto niedriger ist die Strahlendosis und desto aussagekräftiger ist die Aufnahme. Das kann unangenehm oder auch schmerzhaft sein. Krebs kann dadurch nicht ausgelöst werden (s. Seite 5 unten, S. 6 oben  im neuen Merkblatt). Zum Strahlenrisiko: „Dennoch muss das Strahlenrisiko, wie bei jeder röntgendiagnostischen Maßnahme, realistisch abgeschätzt und sorgfältig in Betracht gezogen werden. … Das zusätzliche, strahlenbedingte Lebenszeitrisiko dieser [nach europäischen Leitlinien mit Mammographie geröntgten] Frauen, an Brustkrebs zu erkranken, kann – je nach Studienkohorte und Risikomodell (in das nicht nur die Dosis sondern auch das Alter bei Strahlenexposition oder das Lebensalter eingehen) – Schätzwerte zwischen 0,01 und 0,1% annehmen.“ [1.] Mit anderen Worten: Schätzungsweise eine von 10.000 bis eine von 1.000 Frauen erkrankt wegen der Mammographie zusätzlich an Brustkrebs. Bei den Risikofaktoren für Brustkrebs werden Röntgenstrahlen weiter oben im Merkblatt zwar aufgeführt, allerdings ohne Bezug zur Mammographie.
  • Zu Biopsieverfahren wird im Abschnitt „Was geschieht nach der Untersuchung“ festgehalten, Zitat: „Früher glaubte man, dass sich die Krankheit noch verschlimmern würde, wenn durch die Nadel Tumorzellen gestreut werden. Dies hat sich ebenso wenig bestätigt wie … „. Auch wenn Biopsieverfahren in der Mammadiagnostik ihren praktischen Wert haben, gibt es keine randomisierte Studien, die die Sicherheit der Biopsieverfahren zweifelsfrei belegen. Die Aussage zu Biopsieverfahren ist nicht evidenzbasiert und entspricht damit wieder nicht Gute Praxis Gesundheitsinformationen.
  • Schließlich bleibt die etwas gefühlsbetonte Sprache zur Risiko-Abwägung, Zitat: „… ob Ihnen bestimmte Vor- und Nachteile besonders am Herzen liegen“ Geschmacksache und
  • die realistischere Darstellung der Zahlen ist gut formuliert, wenn die Zahlen stimmen.

Das Merkblatt müsste entsprechend verbessert werden.

Quellenangabe

[1.] Nekolla EA, Griebel J, Brix G: Einführung eines Mammographiescreeningprogramms in Deutschland. Erwägungen zu Nutzen und Risiko. Radiologe 2005 (45):245–254, online publiziert am 17.02.2005 (zum  pdf bei archive.org)

Weiterlesen

Nationales Netzwerk Frauen und Gesundheit: Brustkrebsfrüherkennung und Mammographie-Screening (für Multiplikatorinnen)

Informationen zum Beschluss beim G-BA

Das alte Merkblatt zum Mammographie-Screening (pdf, Stand 2006)
Das neue Merkblatt zum Mammographie-Screening (pdf Entwurf, 02/2010)
Das neue Merkblatt zum Mammographie-Screening (pdf, Stand 07/2010)

Erdrutsch bei den Therapieempfehlungen: DCIS nicht immer operieren

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