Ökonomie in der Arztpraxis: Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL)

(Last Updated On: 10. Juni 2013)
IGel-Monitor

IGeL-Monitor: IGeL von A – Z: Eine Webseite des MDK

Nicht nur der Mensch, auch die Medizin wird mehr und mehr dem Markt überantwortet. War es früher Leitbild der kassenärztlichen Arztpraxis, nur solche Leistungen anzubieten, die abgerechnet werden durften und damit prinzipiell als medizinisch notwendig erachtet wurden, so müssen viele ÄrztInnen heute mehr und mehr Leistungen zusätzlich verkaufen, um am Markt überleben zu können. Doch immerhin – eine neue Webseite bietet Orientierung bei den zusätzlichen Leistungen, die heute so verkauft werden: Der IGeL-Monitor. Die Webseite erklärt ausführlich, was Sache ist, und nimmt einzelne Angebote genau unter die Lupe.

Die Rolle der Arzthelferin

Damit es mit dem Verkauf auch klappt, werden medizinische Fachangestellte (früher ArzthelferInnen, Link zum IGeL-Monitor) in vielen Arztpraxen heute direkt für den Verkauf von IGeL geschult und mit materiellen Anreizen wie Sachleistungen und Geldprämien für den erfolgreichen Verkauf belohnt. Das neue Einchecken in die Praxis wird an unauffällige freundliche Fragen gekoppelt, die mitunter der Computer den medizinischen Fachangestellten bedarfsgerecht auf die PatientInnen zugeschnitten vorgibt. Dass dieses Abverlangen von Leistungen im Verkauf und die „Umschulung zur Verkaufsmanagerin“ gerade manchen älteren Arzthelferinnen in ihrem Berufsethos gegen den Strich geht, wissen wir aus Gesprächen mit Arzthelferinnen. Die neue Professionalisierung wird im Unterrichtsfach Marketing im Lehrplan der Azubis von heute geschult, so dass bei der nächsten Generation mit weniger Widerstand zu rechnen ist.

Schöne neue Wartezimmerwelt

Im Wartezimmer geht die verkaufsorientierte Beeinflussung von PatientInnen „zur Verkürzung der gefühlten Wartezeit“ modern mit Werbebotschaften über TV-Berieselung weiter. Nach Herstellerangabe des Marktführers für Wartezimmer-TV (Werbeansage an ÄrztInnen: „… schließlich können Sie mehr, als die Kasse bezahlt …“) handelt es sich um ein „modernes Patienteninformationssystem“. In anderen Wartezimmern wird docspot.tv eingesetzt. Mit oberflächlichen Filmen werden hier Mammographie, Brustultraschall, Homöopathie, TCM, Akupunktur oder die Darmspiegelung und vieles mehr, z.B. durch „Zeitsprung Infotainment“, beworben.

Orientierungshilfe

Die Webseite IGeL-Monitor (www.igel-monitor.de) des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen bietet bei diesem Status Quo Orientierungshilfen für einige der angebotenen IGeL-Leistungen. IGeL-Monitor möchte über den IGeL-Markt und die Akteure – Ärzte, Kassen, Hersteller, Medien, Politik und den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), der in Deutschland gesetzlich festlegt, welche Versicherungsleistungen die Kassen bezahlen – aufklären. IGeL-Monitor bewertet die einzelnen IGeL wissenschaftlich fundiert, damit es Versicherten gelingt, sich für oder gegen den Einkauf der angebotenen Leistung zu entscheiden. Relevantes Beispiel für unsere Webseite wäre z.B. die Kunsttherapie für Krebspatienten und deren Angehörige, eine Leistung, die schon in manche Disease-Management-Programme zu Brustkrebs integriert war und in verschiedenen medizinischen Einrichtungen von den Trägern finanziert wurde oder wird, um Patientinnen nach Brustkrebs Hilfestellung beim Weiterleben anzubieten.

Ausbau erwünscht …

Insgesamt listet IGeL-Monitor aktuell 25 Leistungen auf, die PatientInnen selbst bezahlen müssen. Mammographie, Brustultraschall, Homöopathie, TCM, Akupunktur oder die Darmspiegelung gehören nicht dazu. Dennoch wird auch die Mammographie als IGeL angeboten.

Bei Veränderungen und Verdacht auf Brustkrebs ist die jedoch Mammographie Kassenleistung – und nicht IGeL. Frauen, die von familiär gehäuft auftretendem Brustkrebs betroffen sind, sollten sich generell besser in den dafür spezialisierten Zentren beraten lassen. Auch die Mammographie zur Brustkrebsfrüherkennung ist im Rahmen des nationalen qualitätsgesicherten Mammographie-Screening-Programms grunsätzlich kostenlos für alle Teilnehmerinnen, Praxisgebühr wird hierfür nicht erhoben. Eine Früherkennungsmammographie sollte, wenn eine Frau sich nach ausreichender Information dafür entscheidet, wegen der umfassenden „Qualitätssicherung“ im Programm eher im Rahmen des Mammographie-Screenings in Anspruch genommen werden. In anderen Situationen sollte eigentlich keine Mammographie durchgeführt werden.

Wegen der Vielzahl der IGeL wäre ein zügiger Ausbau des Projekts, auch mit sehr kritischen Hinweisen zur „IGeL-Mammographie“, höchst wünschenswert.

IGeL-Monitor ist im Interesse einer unabhängigeren PatientInneninformation dringend erforderlich und wird hoffentlich zügig weiter ausgebaut.

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Empfohlene Webseite: IGeL-Monitor – Hrsg. Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V. (MDS), Essen

Download „Individuelle Gesundheitsleistungen“: Grundlegende Informationen, ebenfalls herausgegeben vom MDS (pdf)

Bildnachweis: Screenshot BCAG 03/2012 

2 Kommentare
  1. „Es gibt überhaupt keine notwendigen IGeL-Leistungen. Wenn ihr Nutzen durch Studien belegt wäre, würden sie von den Krankenkassen bezahlt werden.“ Ingrid Mühlhauser http://www.gwup.org/component/content/article/1109-unklare-bachblueten-und-negative-labortests

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