Patient No More: The Politics of Breast Cancer von Sharon Batt

(Last Updated On: 23. Februar 2014)

Patient no more
Patient No More: The Politics of Breast Cancer von Sharon Batt
Scarlett Press 1994, ISBN 1-85-727-072-X
Spinifex, 2003, ISBN 978-1875559398.

Eine gute Rezension zur australischen Ausgabe hat Dorothy Broom vom australischen National Centre for Epidemiology verfasst. Sie stellt Sharon Batt’s Buch jenen Leserinnen, die nur wenig über Brustkrebs lesen möchten, als das wichtigste Buch zu Brustkrebs nach Audre Lorde’s Krebstagebüchern vor, das die dringlichsten Fragen für alle, Betroffene wie nicht Betroffene, aufgreift. Das Buch, das auch in französischer Sprache veröffentlicht wurde, ist in deutscher Sprache jedoch nicht verfügbar. 

Der gesellschaftliche Umgang mit Krebs – Wer bestimmt die Tagesordnung?

Batt geht komplexen Fragen nach, etwas wer von der gegenwärtig Art und Weise, Brustkrebs zu behandeln, profitiert, welche Konsequenzen daraus folgen und natürlich wie Frauen ihre eigene Stimme und den eigenen Weg in einer machtvollen Behandlungsumgebung finden können, einen Weg, den sie selbst für sich ebenfalls entwickeln musste. Doch Batt setzt sich schwerpunktmäßig weniger mit der eigenen Therapie als vielmehr mit den politischen Gegebenheiten auseinander, die den Umgang mit Brustkrebs letztlich definieren. Sie untersucht dazu, wie heutige Debatten über Wissenschaft und „Best Practice“ geführt werden und dabei einerseits die öffentliche Meinung beeinflussen und andererseits Desinformation vorprogrammiert wird.

Superradikale Chirurgie

Sharon Batt geht in ihren Beschreibungen des Umgangs der Krankheit zurück bis ins Jahr 1810, wo Fanny Burney, eine britische Schriftstellerin, die die literarische Gattung des Sittenromans etablierte, durch ihre männlichen Ärzte ohne Lokalanästhesie einer Mastektomie unterzogen wurde. Sie befasst sich natürlich mit dem Modell der superradikalen Halsted-Mastektomie und der Frage, warum die Abwendung von dieser unwirksamen Therapie sich über den Zeitraum von über 100 Jahren nur so zögerlich vollziehen konnte, was sie als Konsequenz einer Begeisterung für „heldenhafte“ Chirurgie sowie nationalen Chauvinismus zuordnet.

Dekonstruktion: Mammographie, Strahlentherapie, Chemotherapie, Alternativtherapie

Unterschiedliche Therapien werden Frauen nahegelegt, – regelmäßig als einzig gangbarer Weg. Medizinische Orthodoxie, neuere Exzesse (wie Hochdosischemotherapie) und ihr Zusammenwirken mit Mainstreammedien wird in den Details betrachtet. Batt stellt Grenzen und Fehlbarkeit der Verfahren auf den Prüfstand, ebenso wie die Frage der Profite. Auch alternative Therapien kommen bei Batt nicht viel besser weg, wird doch wieder und wieder aus der Not der von Krebs betroffenen Menschen ein profitables Geschäft gemacht, auch mit allen möglichen obskuren Methoden.

Interessenkollisionen

Als eine der ersten befasste sie sich aus feministischer Perspektive mit den Zusammenhängen um die Herstellung Krebs auslösender Chemikalien, die nachweislich mit der Entstehung von Brustkrebs im Zusammenhang stehen und Chemotherapeutika, die von den gleichen Industriekonzernen produziert werden. Dorothy Broom kommentiert hier, dass keine Verschwörungstheorien notwendig seien, so alarmierend sei dieses Zusammentreffen. Eine weitere Facette in diesem Zusammenhang ist das Sponsoring von Krebscharities und Patientinnengruppen und durch eben diese Konzerne, ein „Engagement“, dass zum gesamtgesellschaftlichen Schaden werden kann, weil die tiefer gehende Information um die Zusammenhänge und wo die Interessen von Frauen tatsächlich liegen, fehlen.

Macht und Machteliten

Dorothy Boom fühlt sich in ihrer Rezension bei Sharon Batt vielfach an C. Wright Mills „The Power Elite“ (die deutschsprachige Ausgabe erschien unter dem Titel „Die amerikanische Elite„) und den Beschreibungen von abgeriegelten Eliten erinnert, wo Einflussnahme über verborgene Familienbande und Machteliten üblich ist, deren Mitglieder in zahllosen Vorständen und Kommissionen kommerzieller und öffentlicher Organisationen zu finden sind. Wer diesbezüglich eine Exploration solcher Schaltstellen hierzulande heute unternimmt, wird in der Brustkrebsumgebung diesbezüglich auch heute noch fündig, auch wenn natürlich alles ein klein wenig variiert. Bei Brustkrebs geht es, hier schließt sich der Kreis, schon auch um Macht über Frauen und es wird sehr viel Geld bewegt.

Zusammengefasst: No More Patient von Sharon Batt ist relevant bis heute, da es dringenden Fragen aufwirft für jene, die an der Gesundheit von Frauen und nichts anderem interessiert sind.

Auszug: „Patient no more“, S. 287
„Das staatliche Gesundheitswesen, entwickelt, um Krebs zu „kontrollieren“, kontrolliert in Wirklichkeit die Frauen – und insbesondere ihren Konflikt mit Krebs – effektiver, als es die Krankheit kontrolliert. Wir werden in ein medizinisches System hineingedrängt („keine Zeit zu verlieren!“), das von geheim gehaltenen Regeln regiert wird. Hier bringt Compliance Anerkennung ein. Ärzte sprechen mit uns in ihrem eigenen Jargon der medizinischen Wissenschaft oder in der väterlichen Bevormundung eines verkindlichenden „na, na, meine Liebe“. „Wiederherstellungs-“ Programme ermutigen uns, „normal auszusehen“ und „mit dem Leben weiterzumachen“. Schon bald brechen die Charities über uns herein und drängen uns, „den Krebs mit einer Untersuchung und einem Scheck zu bekämpfen“. Das Geld geht in „Unterstützungsprogramme“, in denen wir nichts zu sagen haben, oder an Forscher, die Fragen nachgehen, die keinen Bezug zu unseren eigenen haben.“

„The state system, designed to „control” cancer, in reality controls the women – and particularily her conflict with cancer – more effectively than it controls the disease. We are thrust (“no time to waste!”) into a medical system governed by undisclosed rules. Here compliance gains approval. Physicians speak to us in the private jargon of medical science, or with an infantilizing „there, there, dear“ paternalism. „Recovery“ programs encourage us to „look normal“ and „get on with life“. Soon charities descend, urging us to „fight cancer with a check-up and a cheque“ The money goes into „support“ programs in which we have no say, or to researchers studying questions unrelated to our own.“

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