Regine Hildebrandt: „Für mich hat es ins volle Leben reingehauen“

(Last Updated On: 4. Juni 2016)

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Regine Hildebrandt : Erinnern tut gut ; ein Familienalbum / hrsg. von Jörg Hildebrandt
Berlin : Aufbau-Verl., 2008
Umfang: 223 S. : zahlr. Ill. ; 220 mm x 180 mm
ISBN: 3-351-02666-8, 978-3-351-02666-0

In Bremen ist ein Platz nach ihr benannt, in Berlin ein Park. Regine Hildebrandt (1941 – 2001) hat viele Spuren hinterlassen. Für die Spurensuche hat ihr Mann, Jörg Hildebrandt, der seit 1966 mit Regine Hildebrandt verheiratet war, einen besonderen Bildband zur Erinnerung herausgegeben: „Erinnern tut gut: Ein Familienalbum“ heißt das im „Aufbau-Verlag“ erschienene Erinnerungsbuch über ein Frauenleben zwischen West und Ost, ein Buch, das auch ein wenig ein deutsch-deutsches Geschichtsbuch, eine Dokumentensammlung zur jüngeren deutschen Geschichte, ist.

Vom Titelbild schaut uns die Politikerin entgegen, mit beinahe wehmütigem Blick. Regine Hildebrandt hatte Brustkrebs. Sie starb im Alter von 60 Jahren an den Folgen der Krankheit.

Jörg Hildebrandt teilt das Familienalbum in sieben kleinere Alben ein:
1: Herkunft, Kindheit, Schule – 1941 – 1959
2: Gemeinde, Studium, Mauerbau – 1950 – 1964
3: Neigung und Beruf – 1950 – 2001
4: Ehe, Familie, Freundschaft – 1990 – 1999
5: Kirche, Politik und Wendezeit – 1961 – 1990
6: Arbeit, Soziales, Gesundheit – 1990 – 1999
7: Reden, Reisen, Krankheit, Tod – 1996 – 2001
Ergänzt wird der schön gestaltete Bildband mit einer Zeittafel, Text- und Bildnachweis, Personenregister und dem Dank des Herausgebers an die Unterstützer des Buches.

Die Fotoreise beginnt im Krieg. 1941 wird Regine als „waschechte“ Berlinerin in Berlin-Mitte geboren. Die Eltern leben damals in de Bernauer Str. 14. Draußen ist der Krieg. Das Buch hält die Verwurzelung im (evangelischen) Glauben fest: nicht nur Geburtsurkunde, auch Taufschein und ein Foto von der Konfirmation sind abgedruckt. Zum Jahreswechsel 1947/48 wohnt die Familie in der Bernauer Str. 2. An dieser Schnittstelle, die Ost und West trennt, hat Regine Hildebrandt einen großen Teil ihres Lebens verbracht. Der Bürgersteig vor dem Haus liegt bereits im Westen, im „französischen Sektor“, während Haus und Wohnung bereits zum „Osten“ gehören, zum „Demokratischen Sektor“, wie es ein Straßenbild auswies. Mauerbau, die Stasi verdächtigt Regine und ihren Mann. Eine Anordnung der Stasi beschreibt das geplante Vorgehen für Durchsuchungen. Die Bilder bewegen. Regine ist nicht eitel und spricht mit jedem Bild.

Unvermittelt folgen Krankenhausnotizen. „Am 4. Juli 1996 wird Regine Hildebrandt in der Berliner Caritas-Klinik „Maria Heimsuchung“ die linke Brust abgenommen.“ Sie schreibt selbst: „Mir war die hohe Wahrscheinlichkeit des pathologischen Krebsbefalls bewusst. Doch nach dem Motto ‚Reg Dich erst auf, wenn es tatsächlich so ist‘ habe ich die Angst vorher bewältigt.“ In ihrer offensiven Art wird auch ihr Brustkrebs öffentlich. Ministerpräsident Manfred Stolpe kommt ans Krankenbett im Krankenhaus. Die Medien sind dabei, wir erinnern uns.

1997 notiert sie: „Ich habe Krebs. Für mich hat es ins volle Leben reingehauen.“ Aber sie gehört nicht zu denen, die mit dem Schicksal hadern und nimmt es selbstverständlich, dass es sie selbst getroffen hat. Ende 1997: Rezidiv, Chemotherapie. Planungen für eine Talkshow „Hildebrandt trifft [Lea] Rosh“ platzen wegen der Krankheit. Ihr Glaube, Musik und Familie gäben ihr Kraft. Auch den Korruptionsskandal spart Jörg Hildebrandt im Buch nicht aus.

Im Herbst 1999 werden leider Lebermetastasen diagnostiziert. Wieder Chemotherapie, 6 Zyklen. In der biologischen Begleitbehandlung inhaliert sie Sauerstoff und spritzt Mistel und Vitamin B12. Regine Hildebrandt, die als Gesundheits- und Sozialministerin viel Leid und Krankheit gesehen hat, klagt nicht, kein lautes Aufbegehren. Die „ureigene Aktivierung“ – einschließlich Selbsthilfegruppen – hält sie für wichtig. Sie strahlt – auf dem Foto zwischen den Enkelinnen Antonia und Cäcilie. Der Ausgang der Krankheit wird absehbar. Im Juli 2001 reist Regine mit Mann nach Island, dem Land, „nach dem sie sich ein Leben lang gesehnt hat“.

Im Gespräch mit der Theologie-Professorin Dorothee Sölle verlangt Regine Hildebrandt im September 2001 „passive Sterbehilfe“ für sich. In ihrer Patientenverfügung vom 25. Februar 2001 schreibt sie: „Im Endstadium meiner Krankheit möchte ich auf jedwede lebensverlängernde Maßnahme ausdrücklich verzichten.“ Ihr Terminkalender überholt sie, vollgepackt. Am 26.11.2001, dem Tag ihres Todes, sind es neun Termine, einschließlich Pressekonferenz, Porträtzeichnen und Gespräch mit dem „Stern“. Am späten Abend stirbt sie bei ihrer Familie, Leber und Nieren versagen. Der Terminkalender aber geht noch weiter, randvoll.

Text Gudrun Kemper

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Rezension in der Berliner Zeitung: Der Ruhepol in ihrem Leben (von Martin Klesmann)

Regine Hildebrandt bei Fembio

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