Rezension Katherine Russell Rich: Verflucht, ich will leben

(Last Updated On: 28. Dezember 2003)

Rezension der deutschen Ausgabe von „The red devil“ – Verflucht, ich will leben 

Bücher über Krebs sollen eine positive Botschaft übermitteln und erzählen vom Leben, obwohl es ein Stückchen weit auch ums Sterben geht. Das habe ich oft bei all den Krebs-besiegt-und-geheilt-Botschaften gedacht.

„The red devil“ ist der amerikanische Originaltitel. Katherine Russell meint damit eine der gebräuchlichen „Hammer-Chemos“ wie Adriamycin, jene leuchtend roten Infusionen mit bekannten Nebenwirkungen. „Wenn sie in einem anderen Zusammenhang angewandt würde, beispielsweise bei Gefangenen, könnte man Chemotherapie als Folter ansehen, nicht als Therapie“ und dennoch bleibt es manchmal die einzige Alternative, um zu überleben.

Die Autorin lebt in New York City und arbeitet als Zeitschriftenredakteurin. Sie ist 32 und ihre Ehe mit Diego ist gerade endgültig gescheitert. Drei Wochen ist sie allein, als der Alptraum, ihre Reise ins Krebsland, wie sie selbst es treffend nennt, beginnt, und sie nimmt uns mit.

Die Prioritäten ändern sich, Krebs ist ein Scheideweg, Freunde gehen, andere kommen, „schwierig genug, angesichts der krachenden Schläge, die man einstecken muss“. Onkologen mit der Seelenruhe buddhistischer Mönche, Selbsthilfegruppe, Situationen im Büro, selbst ernannte Krebs-Gurus. Spagat zwischen der Welt der Gesunden und dem Krebsland, zwischen beiden eine unsichtbare trennende Mauer. Der Vater kann das Wort Krebs nicht aussprechen. Wie-geht-es-Dir ist eine komplizierte Frage geworden. Sie lernt, dass es nicht reicht, Ärzten die Verantwortung zu überlassen, und stellt fest, dass sie sich „wie ein Verbraucher verhalten musste, wenn sie die beste Behandlung haben wollte“ (Seite 54).

Katherine Russell Rich lernt dem Impuls der Sentimentalität zu widerstehen, entwickelt ihre eigenen Überlebensstrategien, sucht Erklärungen, findet keine. Einblicke in die amerikanische Krebsmaschinerie sind interessant. Nicht zuletzt zeigt sich aber auch in Amerika, wie weit der Weg zu einer wirklichen Heilung bei Brustkrebs noch ist. Katherine Russell Rich hat Metastasen. Mit einer Abneigung gegen Krankheitsverherrlichung ausgestattet, beschreibt sie Wege der Hoffnung und ihres Falls ins Bodenlose, realistisch wie kaum ein anderes Buch zum Thema.

Sie hat keine mythischen Erklärungen oder Heilsbotschaften, kennt keine wundersamen Heilmittel, schreibt aber voller Energie und Mut. Ohne Scheuklappen wirft sie damit einen unverstellten Blick auf Brustkrebs von innen. Katherine Russell Rich packt realistisch, intelligent und exzellent geschrieben ihre Krankheit in Worte. Ein anspruchsvolles Buch, keine ganz leichte Lektüre, existenziell, nebenbei Literatur vom Feinsten und für mich: lesenswert, nicht nur für Frauen mit Brustkrebs.

[Text Gudrun Kemper, 2003]

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