Susan Love, Patientin oder Was macht eigentlich … Susan Love? (Teil 13)

(Last Updated On: 3. September 2015)

Netizen Susan Love, feministische, lesbische und bekannteste Brustkrebsspezialistin „around the world“, lebt ein öffentliches Leben. Wer Interesse an ihrem Wirken hat, kann auf verschiedenen Webseiten oder via „Social Media“ an ihrem Leben teilhaben und nachvollziehen, was Susan Love gerade macht. Im Juni 2012 veröffentlichte die nach Susan Love benannte Dr. Susan Love Research Foundation mit „A Message from Dr. Love“, dass Susan Love an Leukämie erkrankt ist. Nach einer schweren Zeit mit Hochdosis-Chemotherapie und Stammzelltransplantation meldet sich Susan Love nun „mit neuem Look“  – die Haare sind gerade superkurz – zurück. Verschiedene Medien berichten wieder über sie. In der New York Times erschien am 15. Februar 2013 Illness Is Only the Latest Obstacle („Krankheit ist nur das letzte Hindernis“, der Artikel ist mit sehr schönen Fotos versehen!), in dem Susan Love offen über ihr Leben mit ihrer Lebenspartnerin, der Chirurgin Helen Cooksey, berichtet und den Schwierigkeiten, als lesbisches Paar in den USA gemeinsam Mutter zu werden (Cooksey und Love haben die gemeinsame Tochter Katie Love-Cooksey) bzw. zu heiraten.

Susan Love, Patientin

In der Los Angeles Times  erschien außerdem am 13. Februar 2013 der Artikel Susan Love, doctor/patient, in dem die Journalistin Patt Morrison Susan Love in einem Interview, das sie aufgezeichnet hat, befragt. Susan Love berichtet darin über ihre Erfahrungen mit dem Rollentausch von der Ärztin, Chirurgin, Wissenschaftlerin und Professorin zur Patientin und gibt Auskunft über die Auswirkungen dieser Erfahrungen auf ihre wissenschaftliche Arbeit.  Love berichtet zunächst, wie die Krankheit diagnostiziert und behandelt wurde. Die ersten 100 kritischen Tage nach der Knochenmarktransplantation hat Love überstanden, sie fühle sich besser, doch zugleich sei sie unsicher, denn obwohl das Knochenmark jetzt OK sei, könne sich immer etwas verstecken – „you never know“. Nach einer Blinddarm-OP wüsste man wenigstens, dass man geheilt sei. Die Zeit nach der Krebstherapie beschreibt Love deswegen als „Leben in einer anderen Welt“.

Erkenntnisse einer Ärztin, die Patientin ist

Dazu befragt, ob ihre eigene Krankheit ihr Engagement in Sachen Brustkrebs verändert habe, erklärt Love die Notwendigkeit, das Wissen von Patientinnen und Wissenschaft zusammenzupacken („We all need to put our expertise together“). Die Art und Weise, wie Forschung gestaltet würde, müsse überdacht werden. WissenschaftlerInnen wollten ihre Thesen, die Auswirkungen auf die Krankheit haben können, studieren. Doch es bräuchte Patientinnen, die sagten: Das sind die Fragen, auf die wir eine Antwort brauchen. Forschung werde stark angetrieben durch die Suche nach dem nächsten Medikament, mit dem eine Menge Geld und berühmte Ärzte gemacht werden könnten, anstelle der Beantwortung der für PatientInnen relevanten Fragen. Sie habe die „Kollateralschäden“ vor ihrer eigenen Therapie in der Tragweite früher nicht erkannt, sagt Love. Nun habe sie sie am eigenen Leib erfahren, an den eigenen tauben Zehen und dem metallischen Geschmack im Mund. Ärzte konzentrierten sich darauf, dass Patienten überleben, und übersähen dabei, wie das Überleben aussieht. Auch das Streben von WissenschaftlerInnen nach Auszeichnungen und Preisen (speziell Nobelpreis) kritisiert Love scharf, während die Untersuchung wissenschaftlicher Fragen zur öffentlichen Gesundheitspflege, die vielleicht sehr viel schneller Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen zeigen könnten, nicht finanziert und nicht verfolgt würden, da es keinen Anreiz gäbe. Auch die Aktionen von Brustkrebsinitiativen über die Streichung von Mitteln für Planned Parenthood (Komen) und zum Anstrahlen öffentlicher Gebäude mit rosa Licht (es gibt weisere Verwendungsmöglichkeiten für Geld) betrachtet Love im Interview kritisch.

Und Susan Loves Brustkrebsforschung?

Im Zusammenhang mit den Auswirkungen der eigenen Krankheit auf ihre wissenschaftliche Arbeit berichtet Love, dass sie sich mehr beeilen wolle. Betrachtet man ihr Tempo in den vergangenen Jahrzehnten, so erscheinen Steigerungen allerdings nur schwer vorstellbar. Love ist ungeduldig, mit dem aktuellen Stand der Dinge und vor dem Hintergrund ihrer eigenen begrenzten Lebenszeit. In den vergangenen 20 Jahren habe es keinen großartigen Durchbruch gegeben in Sachen Brustkrebs. Wissenschaft solle [endlich]  die Ursache und nicht die Heilung finden („Research should be finding the cause, not the cure“, Heilung bedeute ja, dass man die Krankheit dann schon hat, sie schon durchleiden muss). Das ist schön gesagt, und mit dem geplanten Präventionsgesetz nähern wir uns solchen Fragestellungen auch bei uns in Deutschland, während jedoch zugleich unsere Lebensbedingungen als Frauen, Mütter, Töchter unheilvoll und ohne individuelle Möglichkeit der Veränderung täglich ungesunder werden.
Love erklärt weiter, dass man sich sehr stark auf Krebszellen konzentriere, während bekannt sei, dass alle Menschen Krebszellen in ihrem Körper haben. Krebs beeinflussende Lebensbedingungen (wie Stress, Ernährung, Bewegung), die Umwelt, in der Krebszellen wachsen (Stichwort: Epigenetik), könnten dafür sorgen, dass Krebszellen im Körper schlafen, anstatt zu wachsen. Love erinnert dabei an die „broken window theory of medicine“, eine Theorie, nach der ein „kaputtes Fenster“ für die Zerstörung des ganzen Hauses verantwortlich sein könnte. Leider hakt Patt Morrison hier nicht noch einmal nach, um dieser spannenden Theorie weiter auf den Grund zu gehen.
Susan Love baut in ihren Forschungsprojekten weiter auf „Crowdsourcing“, also dem Einschluss von Frauen in ihre Forschungsprojekte, die ohne Internet nicht denkbar wären. Love erklärt weiter, dass sie mit ihrer Forschung, weg von Petrischalen und Mausmodellen, näher an die Frauen rücken wolle. Wenn es um die Heilung von Ratten ginge, so habe man das lange genug gemacht … Die Ungeduld ist verständlich, aber neue Risiken gibt es so auch.

Weiterlesen

Brustkrebs: Susan Love (mit Links zu allen Teilen der Reihe „Was macht eigentlich … Susan Love?“)

Quellenangabe: 
Morrison, P.: Patt Morrison Asks: Susan Love, doctor/patient. Los Angeles Times, 13.02.2013, [URL: http://articles.latimes.com/2013/feb/13/opinion/la-oe-morrison-susan-love-cancer-20130213]

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