Teresa Odendahl-Rezension: Eigennutz statt Wohltätigkeit

(Last Updated On: 19. Juni 2016)

Teresa Odendahl: Charity Begins at Home, zum pdf

Teresa Odendahl: Charity Begins at Home: Generosity und Self-Interest among the Philantrophic Elite (Nächstenliebe beginnt zuhause: Großzügigkeit und Eigennützigkeit der wohltätigen Elite). New York: Basic Books 1990. ISBN 0-465-00962-X

Das System der Wohltätigkeit – Was läuft hier eigentlich grundsätzlich schief?

Teresa Odendahls Buch ist bereits 1990 in den USA erschienen und noch heute inhaltlich aktuell. Hier dämmert uns erst jetzt, dass im System von Wohltätigkeit und Spendenpraxis – beispielsweise im Zusammenhang hiesiger Krebsorganisationen – etwas nicht stimmen kann. Transparenz der Geldflüsse in Vereinen, Stiftungen und bei den großen Non-Profit-Organisationen ist üblicherweise Fehlanzeige. Wem nützen wohltätige Einrichtungen, die sich gern als Organisationen ohne Profitinteressen darstellen, wirklich? Wer profitiert von „Non-Profit“ und welche Interessen stehen im Hintergrund? Unzählige Fragen sind auch bei hiesigen „Charities“ offen.

Vom Klappentext

In ihrem kontroversen Buch argumentiert Odendahl, während die Reichen vorgäben, ihre Wohltätigkeit helfe Bedürftigen und  Benachteiligten, komme der größte Teil der Spenden tatsächlich solchen Aktivitäten zugute, die von einer Oberklasse kontrolliert und benutzt werden. Anstelle soziale und ökonomische Ungleichheiten abzubauen, verschärfe die Elite-Philanthropie aktuell noch, so fasst Odendahl es zusammen. In einer Zeit, wo staatliche Unterstützung für Sozialleistungen zurückgefahren wird, während Politik sich in ihren Erfolgen sonnt, ist Teresa Odendahls Analyse zugleich zeitgemäß und alarmierend.

Charity begins at home zeigt, wie Elite-Wohltätigkeit primär private Schulen und kulturelle Einrichtungen für Reiche fördert. Wenige große Nonprofit-Organisationen kontrollieren den größten Teil des Kapitals und erhalten die meisten Spenden. Ihr Einfluss auf Ausbildung und unser soziales und ökonomisches Leben ist immens, doch sie sind nur einer Handvoll Elitetreuhändern und wohlhabenden Geldgebern Rechenschaft schuldig. Die Steuerpolitik verschärft das Syndrom noch. Teresa Odendahls offene Interviews mit 140 „gemeinnützigen“ Millionären, Führungskräften von Stiftungen und persönlichen Beratern von Wohlhabenden beleuchten das überraschende Bild eines Wohltätigkeitssystems von, durch und für die Reichen. Das Buch unterscheidet zwischen neuen „self-made“ Millionären und altem Geldadel, mildtätigen Ladies und wohlhabenden feministischen Fördererinnen ebenso, wie beispielsweise zwischen jüdischen und protestantischen WohltäterInnen.

Charity begins at home ist ein leidenschaftlicher Aufruf zur Veränderung des Wohltätigkeits- und Steuersystems, für mehr Rechenschaftspflichten im Non-Profit-Sektor und für eine Rückbesinnung auf das, was grundlegende staatliche Aufgaben sind.

Demokratie Ende

Teresa Odendahl geht Zusammenhängen zwischen Kultur, Großzügigkeit und Macht nach, sie geht Spenden und Freiwilligenengagement (Aufgaben, die den Armen im aktuellen Wohltätigkeitssystem zukommen) auf den Grund und sie untersucht geschäftliche und politische Verbindungen sowie die politische Ökonomie der Wohltätigkeit bis hin zu Auswirkungen wie einer vollständigen Aushebelung von Demokratie, Gleichberechtigung oder Solidarität.

21 Jahre sind inzwischen auch in den USA ins Land gegangen und – Land ist nicht ins Sicht.

Weiterlesen

Lisa Belkin: Charity begins at … The Marketing Meeting, The Gala Event, The Product Tie-In
New York Times Magazin v. 22.12.1996

Online-Version von Teresa Odendahls Buch (pdf): Charity begins at home

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