Vera Isler-Leiner: Auch ich …

(Last Updated On: 28. März 2017)

Ein wirklich empfehlenswertes Buch für neu von Brustkrebs betroffene Frauen ist Vera Isler-Leiners „Auch ich …“. Es ermutigt, gegen den Strom zu schwimmen und sich von der Diagnose nicht zu sehr beeindrucken zu lassen. Ihre Lebensgeschichte liefert sie dabei gleich mit. Die für ihre Arbeiten besonders in den USA und der Schweiz bekannte Fotografin und Autorin, Jahrgang 1931, wurde in Berlin geboren. Ihre Eltern schickten sie gemeinsam mit ihren beiden Schwestern 1936 zu ihrem Schutz vor den Nazis in die Schweiz. Doch die Eltern und auch die meisten Verwandten wurden unter den Nazis ermordet. (Die Lebensgeschichte ihrer Eltern arbeitete Isler-Leiner erst nach Erscheinen ihres Buches mit der Videodokumentation „Where are the ashes of my parents? Polen: Auschwitz-Birkenau – Belzec, Spurensuche“ im Jahr 2003 auf.)

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIn „Auch ich …“ nähert sie sich der Krankheit Brustkrebs als Normalität, unerschrocken und unprätentiös, und sie entscheidet selbst, was gut für sie ist. Isler-Leiner hat sich, nachdem bei ihr Brustkrebs diagnostiziert wurde, tätowieren lassen. Die selbst entworfenen Tattoos aus blauen Blumen verlaufen über ihre Narben und den Umschlag ihres im Jahr 2000 in Berlin bei Edition Ost erschienenen Buches, das aktuell zumindest über Online-Buchhandel und Bibliotheken gut erhältlich ist. Isler-Leiner unterzog sich einer doppelseitigen Mastektomie. Die Krankheit ist eine kurze Episode in ihrem Leben, die sie nicht weiter aufhält. Anfang 2000 zeigte sie unter anderem in Berlin und später in Wien ihre Ausstellung “Busen und das goldene Kalb”, Ton-Lichtinstallationen und Fotoarbeiten. In Berlin wurde sie im “Haus am Lützowplatz” gezeigt. Dies war Teil Ilser-Leiners künstlerischen Weges, sich in Konfrontation mit ihrem Krebsleiden mit sich selbst und ihrer Umwelt, auch in Selbstporträts, auseinanderzusetzen.

Gleich auf dem Klappentext konfrontiert Isler-Leiner mit Fakten:

„Man hat mir was abgeschnitten. Ratzekahl. Würde mir ein Mann abschneiden sagen, dächte ich sofort an seinen Penis. Bei mir ist es ja nur der Busen, samt Nippel. Beide Brüste einfach weg. Zwei grauslich dicke, etwa vierzehn Zentimeter lange rote Nahtwülste ziehen sich über den Brustkorb. Wer schreibt nur immer so beschönigend, dass man die Brüste heute so viel schonender operierte? […] Zwei, drei Wochen später war für mich und meine Umgebung mein „outlook“ was Selbstverständliches. Mein Mann, der nie ein Busenfetischist war, erfreute sich ohne viele Worte daran. Mein andersartiges Schlanksein gefiel ihm. Ich sah es an seinem Blick. Er mochte mich so …“

Kritisch rechnet Isler-Leiner mit dem „Busen als goldenem Kalb“ noch detaillierter ab. Frauen selbst mäßen Brüsten zuviel Bedeutung bei, indem sie sie für überlebenswichtig hielten und alles unternähmen, um sie zu vergrößern oder, im Falle des Verlustes, durch Substitute zu ersetzen. Doch Substitute sind kein Ersatz. Und sie können eine Menge Probleme verursachen, die uns natürlich niemand sagt. Isler-Leiner fragt, ob wir uns selbst dies suggerieren, und macht Einflussnahme von Medien, Werbung und Ärzteschaft aus.

„Sie reden uns Brusterhaltung ein. Aber verschweigen die anschließenden Bestrahlungen und dass man auch nach der Operation ständig mit der Krankheit konfrontiert wird.“

Isler-Leiner geht der allgegenwärtigen Sprachakrobatik und falschen Versprechungen im Zusammenhang mit Brustkrebs nach:

„Oder was häufig gesagt wird und von zweifelhaftem Optimismus zeugt: „Wir müssen nur eine Brust abnehmen.“ Man schlachtet also nicht „das goldene Kalb“. Unter diesen Umständen entschließt sich eine Frau mit Sicherheit für eine Rekonstruktion, das heißt es wird verdient. Zweitens muss die Patientin alle sechs Monate zur Mammographie. So bleibt man in Abhängigkeit … [… ] Und dann diese Heuchelei: „Wenn Sie fünf Jahre überlebt haben, dann dürfen Sie sich wieder zu den Gesunden zählen. Das stimmt auch nicht.“

Vera Isler-Leiner verkriecht sich nicht. Ein Buch wollte sie schon länger schreiben. „Außerhalb der schrecklichen Zeit“ lautete ein Arbeitstitel. Die Diagnose brachte sie zum Schreiben, wie viele andere. Die Fäden des Schicksals der älteren Generation, ihrer Eltern und ihr eigenes, laufen zusammen.

„Der frühere Buchtitel passte nicht mehr. Ich war mit einem zusätzlichen Schrecken konfrontiert. Ich stand nicht mehr „außerhalb“ der Zeit. War mittendrin, und die Zeit lief.“

Weiterlesen lohnt sich in jedem Fall.

Rezension: Gudrun Kemper

Homepage von Vera Isler Leiner

www.veraislerleiner.com

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Am Ende der Aufklärung steht das Goldene Kalb von Michael Berger (bei wido, Wissenschaftliches Institut der AOK)

„Ich bin nicht länger ängstlich“: Frauen, die sich nach Brustkrebs nicht „rekonstruieren“ lassen

 

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