"Wie viel wird Herceptin wirklich kosten?"

(Last Updated On: 9. Oktober 2014)

Info zusammengestellt von Gudrun Kemper

Unter dieser Fragestellung („How much will Herceptin really cost?“) wurde am 25.11.2006 ein Artikel im „British Medical Journal“ (BMJ) veröffentlicht. Er untersucht die Auswirkungen der Zulassung von Herceptin und der dazu geführten hitzigen Debatte zur adjuvanten Therapie bei Brustkrebs und dem realen Alltag in den medizinischen Einrichtungen Großbritanniens.

Herceptin - Trastuzumab, Bildnachweis BCAG CC 2.0

Herceptin –  Antikörper Trastuzumab, Bildnachweis BCAG CC 2.0

Das Budget der Einrichtungen ist begrenzt und wegen der Zulassung von Herceptin bei Brustkrebs im Frühstadium nicht erhöht worden. Durch die hohen Arzneimittelkosten für das Medikament werden die vorhandenen Budgets gesprengt. Es wird in tabellarischer Aufstellung eine genaue Berechnung präsentiert, die aufzeigt, welche Behandlungen zu welchen Kosten bestimmte therapeutische Ziele erreichen. Mit einer Summe von 1,9 Mio britischen Pfund könnten etwa 75 Frauen mit Brustkrebs adjuvant mit Herceptin behandelt werden, was für drei der Patientinnen lebensrettend sein könnte, während durch die Finanzierung der „erprobten“ Therapien 355 Patientinnen zu gleichen Kosten behandelt werden könnten, von denen 16 Patientinnen durch diese Therapien überleben würden, oder es könnten 208 Patientinnen eine palliative Chemotherapie erhalten.

Die Verfasser (Ann Barrett, Tom Roques, Matthew Small und Richard D. Smith) sehen sich damit konfrontiert, dass sie Patientinnen nicht mehr mit den preiswerteren Therapien behandeln können, wenn sie den Empfehlungen des britischen Instituts für Gesundheit und Qualität in der medizinischen Versorgung (NICE) für die adjuvante Gabe von Herceptin folgen, weil das Budget bereits durch die teure neue Therapie ausgeschöpft ist. Sie stellen fest, dass sie diejenigen sind, die den Patientinnen sagen müssen, dass sie ihnen die erprobte Therapien, die relativ wenig kosten, nicht geben können, weil „diese Therapie gerade nicht im Trend liegt“.

Zwar hat das britische National Institute for Health and Clinical Excellence, NICE (die Einrichtung ist vielleicht in etwa gleichzusetzen ist mit dem deutschen IQWiG, dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit in der Medizin) die adjuvante Therapie mit Herceptin befürwortet, aber es sind keine zusätzlichen Mittel zur Finanzierung verfügbar gemacht worden. Die Autoren stellen sich auf den Standpunkt, dass der wahre Preis für Herceptin die anderen nicht behandelten Patienten sind, deren Medikamente nicht mehr bezahlt werden können, weil die Budgets erschöpft sind. („The real cost of Herceptin is in the other patients not treated, whether they are patients with cancer or those with other conditions.“) Zu dieser Frage – der Rationierung – gibt das NICE keine Leitlinie heraus. Sie halten fest, dass die derzeitige Situation in Bezug auf Herceptin den Brennpunkt ihrer zentralen Kernfrage nach dem Zuteilungsmodus spiegelt, weil nämlich weder zusätzliche Mittel bereitgestellt werden, noch übermitelt wird, welche Leistungen gestrichen werden sollen. Die Mediziner jedoch haben diese schwierigen Entscheidungen zu treffen.

In dem Artikel wird insbesondere die Problematik herausgestellt, die auch bei Herceptin zutrifft, nämlich die Anfälligkeit der Entscheidungen des Qualitätsinstituts für den Druck von außen. Der relative Medien- und Öffentlichkeitsreiz des Themas hat schon immer Druck auf die Zuteilung der Ressourcen im Gesundheitswesen ausgeübt. Im Fall von Herceptin, so die Autoren, haben eine bestimmte Patientengruppe, die Beeinflussung durch Medien, Industrieunterstützung und politisches Taktieren beachtlichen Druck in Hinsicht auf die Zulassung auf das NICE ausgeübt. Die Autoren vertreten die Meinung, dass es Zeit ist, den Fokus wieder auf den klinischen Alltag umzustellen, in dem es auch um die Notwendigkeit z.B. für neonatale Intensivpflege oder den Austausch von Hüftgelenken ginge, und sie verweisen eindringlich darauf, dass sie – und nicht das NICE – zu entscheiden hätten, welche Therapien angeboten würden und wer von den Patienten nicht behandelt würde. Niemand, weder Medien noch Interessenvertreter des Medikaments noch das NICE hätten vorgeschlagen, was gestrichen werden solle für Herceptin. Die Autoren würden gerne wissen, welche Kürzungen das Gesundheitsministerium bei den medizinischen Leistungen zukünftig empfiehlt. Politischer Druck, Patientenvertretung und Medienspektakel sollten nicht definieren, wer womit behandelt wird, so ihre Meinung. Aber auch das NICE steht in der Kritik, es liefere zur Zeit mehr Probleme als Lösungen. Ohne Veränderungen an diesen Verhältnissen, so das Fazit, wäre Herceptin nicht der letzte Fall von „Rationierung durch die Medien“.

Quellen / Links:

Originalartikel im British Medical Journal (BMJ, der volle Text ist leider nur für Abonnenten oder gegen Bezahlung einsehbar):
http://www.bmj.com/content/333/7578/1118

Die Herceptin-Story – Nutzen, Preise und Profite (Schweizerische Ärztezeitung):
http://www.saez.ch/docs/saez/archiv/de/2006/2006-28/2006-28-593.PDF


Unser Kommentar zum BMJ-Artikel:

Die Autoren thematisieren allerdings nicht die Preispolitik für Krebsmedikamente. Diese gehört aber unbedingt in diesen Kontext, denn wenn Medikamente lebensrettend sind, sollte das Bestreben vorhanden sein, sie für diejenigen verfügbar zu machen, die sie brauchen. Neue Medikamente haben ihren Preis, aber die Kosten für Medikamente gegen Krebserkrankungen haben mittlerweile eine Schwelle überschritten, die möglicherweise in keiner Relation mehr zu den Kosten des Produkts stehen. Sie entsprechen einem fiktiven „Preis des Lebens“, der für die meisten Menschen weltweit, einschließlich der meisten Frauen mit Brustkrebs, nie finanzierbar sein wird. Es sind auch staatlicherseits keine Bemühungen erkennbar, Arzneimittel zu bezahlbaren Preisen herstellen zu lassen.
Von einem Konzept, wie es etwa von Christian Wagner, BUKO Pharma-Kampagne, unter dem Titel: Wissenschaft im öffentlichen Interesse? Das Dilemma der Arzneimittelforschung auf dem Europäischen Sozialforum in Athen im Mai 2006 vorgestellt wurde, bleiben wir weit entfernt.

Online-Broschüre von Medico International zum gleichen Thema: Download hier

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